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THE GöTEBORG BALLET
3XBOLéRO
EWIG NEUE ANZIEHUNG
... Für die ewig neue und ewig gleich bleibende Anziehung und Abstoßung, für das Fliehen, Verfolgen, sich Entziehen, kurzes Aufeinandertreffen, findet das Göteborg Ballet eine sehr reiche, sehr gegenwärtige Tanzsprache
Margit Oberhammer, Dolomiten 40.4.2010
DER EWIGE OHRWURM
BONN. „x Boléro“ das klang wie eine Drohung. Aber das Göteborg Ballet hat dem ziemlich ramponierten Ohrwurm von Maurice Ravel eine Frischzellentherapie verordnet und das Ergebnis beim Gastspiel im Bonner Opernhaus vorgeführt. Erst tanzten die Schweden in „Walking Mads“ die Originalmusik, die im zweiten Stück „Orelob“ für eine Art Krebsgang (Boléro rückwärts gelesen) elektronisch präpariert und schließlich in „Episode 17“ fesch aufgemischt wird. Man kann das als Versprechen lesen.
Als Johannes Öhman 2007 in Göteborg Ballettdirektor wurde, kündigte er an, das Göteborg Ballet zum führenden zeitgenössischen Tanzensemble Schwedens zu machen. „Walking Mads“ wäre demnach, was er vorfand: nicht neu, aber schön. Johan Inger hat das von ihm für Göteborg neuinszenierte Ballett 2001 fürs Nederlands Dans Theater geschaffen, das damals noch ganz im Sog von Jiri Kylian stand.
Wie dieser überzeugt Inger mit Tempo, Charme, Drive und minutiös aneinander gereihten Figuren, die erst von einem Paar, dann von zwei und drei Paaren und wieder einem in Gang gesetzt werden.
Die Handlung, wenn es denn eine ist, ist nicht so erheblich. Es geht immer um Mann und Frau. Aber es sind sehr schöne Tänzer, die sich zeigen. Wie die irgendwann gegen Ingers Bretterwand antoben und über sie hinweg, machte starken Effekt. Die Moral kommt nach kurzem Einhalten. Eine Frau bleibt zurück, allein, verstört?
Interesse an Neuem befriedigte naturgemäß eher Kenneth Kvarnströms „Orelob“-Choreografie, wobei der finnische Komponist Jukka Rintamäki die musikalische Geheimwaffe ist. Bei dessen Elektronik-Klängen bleibt der Rhythmus tonangebend, das Ravel-Material aber nur selten identifizierbar. Stark sind auch hier die Tänzer mit vegetativen und kühlen Skulpturen im Modern-Dance-Vokabular.
Am Ende stand kurz und absolut schmerzfrei-lustig die „Episode 17“, ausgegeben als siebzehnte Choreographie des sehr begabten jungen Alexander Ekman. Er hat auf der Diagonale neun Paare aufgereiht, die fröhlich miteinander rummachen, bis Kommandos sie wieder in erstarrte Figuren zwingen.
Zwischendurch stellen sich die Tänzer im babylonischen Sprachgewirr international besetzter Tanzcompagnien vor. Ravels „Boléro“ klingt wie von der Trachtenkapelle. Nun erkennt man ihn wieder, dankbar.
H.D. Terschüren, Kölnische Rundschau 30.10.2009
TANZENDE TODESENGEL: GöTEBORG BALLETT ZU GAST IN BONN
Bonn. Musikalisch kündigte der Abend wenig Aufregendes an. "3 x Boléro" versprach das Göteborg Ballett, also drei Mal Maurice Ravels sattsam bekannten Klassiker hintereinander; das klang nach Crescendo-Überdruss, nach rhythmischer Wiederkehr des Immergleichen.
Doch so einfach machten es die Choreografen Johan Inger, Kenneth Kvarnström und Alexander Ekman dem Besucher der Bonner Oper dann doch nicht.
Es war ein Abend mit Thema und Variation, denn Johan Ingers bereits 2001 für das Nederlands Dans Theater entstandenes "Walking Mad" stellt nicht nur den "Boléro" im Original (wenn auch vom Band) vor, sondern lieferte eine Interpretation ohne Fehl.
Inger choreografiert Szenen des Überschreitens, der Anziehung und des sich Entziehens. Das kann komisch sein, wenn Männer mit roten Hütchen den Frauen nachlaufen und das Türklappen immer neue Paarkonstellationen zulässt. Aber auch bedrohlich, wenn die Wand sich verengt und ein Paar im fahlen Licht ein Duett von latenter Gewalt tanzt.
Bei allem Witz, aller Aggression, Johan Ingers Choreografie verliert nie ihre klassische Proportion. In den schwarzen Trikots mit Tüllbesatz auf der Brust erinnern die fünf Tänzer an Todesengel wie die Wilies in "Giselle". Ein Solo vor einer Metallwand stellt isolierte Bewegungsmotive vor, die dann in verschiedenen Konstellationen durchdekliniert werden.
Kaltes Pathos paart sich mit elektronischen Klängen, ein synchrones Männer-Duo erzählt von skurriler Einsamkeit. Eine verstörende Interpretation, mit der man nur deshalb schnell fertig wurde, weil danach der schwedische Tanz-Shootingstar Alexander Ekman in seiner "Episode 17" Ravels Ohrwurm auf komischste Weise dekonstruierte.
Hans-Christoph Zimmermann, General-Anzeiger Bonn 30.10.2009
NUMBER THREE NEVER BUYS HER OWN CIGARETTES
Mit Variationen über den "Bolero" von Maurice Ravel bestreitet der neue Ballettdirektor des Göteborg Ballet, Johannes Öhman, seine erste, mitreißende Premiere.
GÖTEBORG, im Mai
3 x Bolero" heißt der Tanzabend, und man kriegt gleich einen Schreck, denn dreimal hintereinander möchte man den genialen Schmachtfetzen nun wirklich nicht hören. Tut man auch nicht:
Die Aufführung hat nicht nur drei Choreo-graphen, sondern auch drei Komponisten - und bis auf Ravel sind alle Skandinavier. Das erste Stück ist „Walking Mad", von Johan Inger 2001 fürs Nederlands Dans Theater geschaffen, später ins Repertoire des Cullberg Ballet übernommen, dessen künstlerischer Leiter er ist, und nun mit dem Göteborgs Operans Ballet neu einstudiert. Es erzählt zu voller Orchesterbegleitung und in vielen Facetten, Spiegelungen und Überschneidungen die Geschichte von einem Mann und einer Frau, die so gerne zueinanderkommen wollen, aber es einfach nicht schaffen.
Der Raum wird von einer riesigen Bretterwand begrenzt, die unerwartete Türen und Durchlässe offenbart, sich dreht und zusammenfaltet. Es wird gegen sie gesprungen und an ihr hochgeklettert, und kaum hat jemand den oberen Rand erreicht, kippt sie nach hinten und verwandelt sich in eine Tanzplattform. Ingers Choreographie ist leicht und beschwingt, und die Tänzer sind es auch - mitunter parodieren sie den Rhythmus mit schlaksi-gem Hüftschwung, oder sie tragen bunte Partyhüte und gebärden sich entsprechend. Einmal unterbricht das Orchester sein Spiel, doch es bolerot weiter, verweht wie aus einem fernen Radio, dann setzen die Musiker wieder ein. Das alles ist unterhaltsam, gut gemacht und immer eine 'Spur zu gefällig, mit vielen Dreh- und Hebebewegungen, viel Zueinander- und Aus-einander-Springen. Das Paar verdoppelt und verdreifacht sich, und zum Schlusscrescendo werfen alle Tänzer ihre Jacken in die Luft - Blackout. Doch dann geht das licht wieder an, der Mann sucht sein Jackett, streift es über, setzt einen Hut auf und geht- die Frau bleibt an die Wand gekrümmt zurück.
Kenneth Kvarnströms „0reloB" ist da doch um einiges aufregender! Zu einem Soundscape des finnischen Komponisten Jukka Rintamäki, Kopf der international erfolgreichen Göteborger Rockband Silverbullit, lässt er drei Männer und zwei Frauen sich ineinander schlingen, nacheinander greifen und voreinander schützen. Sie tragen elegante schwarze Badeanzüge, in denen die weiße Haut ihrer nackten Arme und Beine so verletzlich aussieht, wie ihre Seelen es sind. Das kurze Stück ist sehr abstrakt, sehr kalt und faszinie-rend in seiner Unvorhersehbarkeil. So wie die elektronische Musik mit dem Bolero nur noch die Struktur gemein hat, so wir-ken auch die Bewegungsabläufe wie Zita-te', die sich kurz aus dem Erinnerungs-schatten lösen, um sich gleich wieder in ihm zu verbergen. Alles ist verwischt, viel-fach gebrochen, nichts eindeutig, die Ravel-Rhythmen nicht, die düsteren Licht-stimmungen nicht und die traumschwer entrückte Choreographie schon gar nicht.
Umso überraschender (und versöhnlicher?) das letzte Bild, bei dem ein silber-ner Sterntaler-Regen auf eine einsame Tänzerin herabschwebt und das metallische Geräusch der Alurniniumplättchen wie eine Ravel-Apotheose aus dem Welt-all klingt. Kvarnström, bis vor kurzem Leiter des Stockbolmer Dansens Hus, hat mit "OreloB" die radikalste und beste Arbeit des Dreiteilers geschaffen. Hier passt alles zusammen: der leere schwarzweiße Raum, die Ästhetik, Musik und Bewegungssprache und dazu die hervorragenden Tänzer mit ihrem Geheimnis von gestreckten Körpern und runden Armen, von Haut, Licht und Luft.
Und dann gibt es noch eine WeItpremiere: "Episode 17", die angeblich schon siebzehnte Arbeit des gerade mal vierundzwanzigjährigen Wunderknaben Alexander Ekman (Choreographie, Bühne, Kostüm). Sie beginnt mit einem Film, in dem zwei Dutzend schwarz gewandete, schwarz perückte Tänzer quer durch Göteborg marschieren, bis sie zum Opernhaus kommen und plötzlich live auf der Bühne stehen. Was folgt, ist eine fröhlich 'überdrehte Chorus Line, die Anweisungen umsetzt wie "Show Bravoura'', während zwei Violinen „My Bolero" spielen, alles sehr komisch und frech. Einzelne Tänzer werden vorgestellt („Number 3 never buys her own cigarettes") oder in verschiedenen Episoden auf Englisch, Russisch, Schwedisch aufgefordert, sich zu präsentieren, sie werden zum Atemchor oder ziehen sich allesamt aus und lächeln in Unterwäsche ins Publikum. Bis „Episode 17" angesagt wird: eine Frau geht nach vorne, schlägt sich auf den Arm, und das Stück ist zu Ende. Jubel von 1300 Plätzen.
,,3xBolero" ist die erste eigene Premiere des neuen Ballettdirektors Johannes Öhman, und sie ist ein voller Erfolg. Tbe Göteborg Ballet, ehedem eine klassische Kompanie, aber schon seit Jahren dem modemen Tanz verpflichtet, soll, so Öhman, zum „Centre for Nordic Contemporary Dance" werden. Die Voraussetzungen scheinen günstig: vierzig Tänzer, der Schutz einer großen Institution (Opernhaus), der Wille zum Experiment. Es wird sich lohnen, die Kompanie im Auge zu behalten.
Renate Klett, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.5.2008
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