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ecotopia dance productions: Pressestimmen Helena Waldmann - revolver besorgen
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HELENA WALDMANN

REVOLVER BESORGEN

BRIT RODEMUND TANZT GROßARTIGES SOLO
Bielefeld. Demenz tanzen - wie soll das gehen? Das werden sich nicht wenige Zuschauer gefragt haben, die mit Spannung den Tanzabend "Revolver besorgen" von Helena Waldmann erwartet haben. Was Solistin Brit Rodemund dann auf die Bühne im Theaterlabor zaubert, ist ohne Übertreibung mit dem Superlativ "großartig" zu belegen.

Doch neben der außergewöhnlichen, physisch fordernden und mit tiefer Emphase getanzten Leistung der Solistin steht das Konzept der Choreografin. Helena Waldmann bedient sich bei der Bearbeitung des schweren Themas eines durchgängigen Musters: Sie konterkariert Stimmungen, geschaffen durch Musik, Bewegungen oder Laute der Tänzerin mittels abrupter Kontraste, kleiner Störfeuer.

So unterbricht sie Walzerseligkeit durch Gewehrsalven, schürt Erinnerungen an die Erinnerungen der Weltkriegsgeneration. Der Tanz mit den Schuhen endet in einem Scharmützel mit selbigen, die sich wie von Geisterhand geführt gegen die Trägerin wenden. Das Wiegen zum romantischen Song "Unforgettable" geht einher mit einem endlos scheinenden Speichelfluss, der der Solistin aus dem Mundwinkel rinnt. Ein starkes Bild.

Waldmann gießt die Bedrohung durch die fremde Macht Demenz, die allmählich Besitz von den Betroffenen ergreift, während die das anfangs noch schmerzlich mitbekommen, in deutliche Bilder. Brit Rodemunds schauspielerische Begabung ist ebenso gefordert wie ihr tänzerisches Können, wenn sie ganz ohne Tabus zeigt, wie es um die sexuellen Bedürfnisse eines Demenzkranken bestellt ist.

Und was es bedeutet, in einer Endlosschleife aus Wiederholen und Vergessen gefangen zu sein. Es ist ihr Verdienst, dass sie das für ihr Publikum nahezu erlebbar macht.

Die Bühnenausstattung ist auch deshalb so gelungen, weil sie so schlicht gehalten ist. Nur ein Haufen oranger Einkaufstüten in einer Ecke scheint die verschiedenen Erinnerungsfetzen oder das Gehirn an sich zu repräsentieren, auf die die Tänzerin ab und zu noch zugreifen kann. Sie tanzt mit den Tüten, spielerisch zunächst, plötzlich hält sie einen aus einer Tüte geformten Revolver an ihre Schläfe.

Alt, vergesslich, inkontinent - ist die ultimative eine Lösung des Problems? Waldmann spart Drastik nicht aus. Auch wenn ein Pathologe aus dem Off betont sachlich anhand eines dementen Gehirns erklärt, wie sich die Krankheit medizinisch darstellt. Anrührend kontrastieren damit die Kommentare Betroffener: "Ich werde einfach vor vollendete Tatsachen gestellt und soll damit zufrieden sein", sagt eine alte Dame resigniert.

Nach und nach ist die Tänzerin, deren Bewegungen immer eckiger, die Mimik hinter einem riesigen Vergrößerungsglas immer entrückter wird, der Welt vollends abhanden gekommen. "Ich leb allein in meinem Himmel, in meinem Leben, in meinem Lied", klingt es aus dem Lautsprecher, während sie schluchzend und stöhnend weitertanzt. Dann versinkt sie im Tütenhaufen, während ein lachendes Kind zu hören ist - und dann doch noch der (erlösende?) Schuss fällt.

Tosender Applaus und Jubel für eine reife Leistung.
Heike Krüger, Neue Westfälische 2.8.2013

GEISTESBLITZE AUS DEM LAND DES VERGESSENS
Ulm Tanz die Demenz. Das klingt so, als dürfe man es nicht. Die Leichtigkeit des Tanzes und die zerstörerische, bedrohliche Krankheit, das scheint sich zu widersprechen. Was aber die ehemalige Solotänzerin des Berliner Staatsballetts, Brit Rodemund, beim ersten Tanzfestival „Ulm moves!“ mit „Revolver besorgen“ im Roxy zeigte, das geht derart unter die Haut, dass man ergriffen aufatmet, als der Bann nach 60 Minuten vorbei ist. Und doch möchte man noch einmal sehen, wie die „Tänzerin des Jahres“ 2011 Rodemund das absolute Wagnis umsetzt, eine Frau zu tanzen, die sich selbst und alle gesellschaftlichen Regeln vergisst.

Es ist ein Bravourstück, das der großartigen Rodemund unter der Regie von Helena Waldmann gelingt: Der Körper verliert die ein Leben lang eingeübten Bewegungen nicht, aber er weiß nicht mehr, wozu er sie früher gebraucht hat. Das Suchen nach den Zusammenhängen, das Verlieren, die Freude über eine spielerische Entdeckung, die wieder kindliche Neugier, auszuprobieren, was man mit einem Pantoffel oder einer Plastiktüte machen kann – und der Zorn darüber, dass sich die Zusammenhänge nicht mehr erschließen, die doch einmal so logisch waren, das bringt Rodemund mit eindrucksvoller Mimik, nüchtern und zugleich zutiefst ergreifend auf den Punkt.

Die raschen, von außen so befremdlich unmittelbar wirkenden Stimmungsschwankungen der Demenz erschließen sich im Tanz, wenn Bruchstücke des früher Erlebten – der Erste Weltkriegs, der Swing, die Zeit der Kindererziehung – auftauchen. Das Selbstvergessen ist der Sturz aus allen Zusammenhängen, es ist aber auch die Befreiung aus jedem gesellschaftlichen Funktionierenmüssen: Rodemund tanzt die angstvolle Erkenntnis des Vergessens derart ausdrucksstark, dass es dem Publikum den Atem raubt. Und sie geht wie in einem Zerrspiegel tief in das Wagnis hinein, Demenz zu tanzen: Sabbern, onanieren, Fratzen schneiden, glückliches Experimentieren mit den Dingen des Alltags, die ihre Bedeutung verloren haben, und die Aggression über die Ahnung, dass es diese Bedeutungen doch einmal gab.

Die Stimmen aus dem Off sind fast ein Hörspiel in sich: der Professor, der ein erkranktes Gehirn vor seinen Studenten seziert und erklärt, die Sexualtherapeutin im Gespräch mit einem dementen Mann, und immer wieder das Lachen eines Kindes, ein Lachen, das sich im Tod der dementen Protagonistin in einer Endlosspirale wiederholt. Ein radikales Wagnis, ein mutiger – und dabei unglaublich ästhetischer – Beitrag zur gesellschaftlichen Demenzdiskussion: Im Vergessen liegt nicht nur Verlust, sondern ebenso Freiheit vom Festgeschriebenen.
Dagmar Hub, Augsburger Allgemeine 6.7.2013

WIE EINE AUS DER WELT FäLLT
Die Tänzerin Brit Rodemund gibt dem Vergessen in Helena Waldmanns Stück Revolver besorgen ein Gesicht. Eine berührende und zugleich bedrückende Vorstellung Mittwochabend zum Theater in Bewegung in Jena.
In Deutschland sind laut Statistik etwa 1,3 Millionen Menschen von Demenz betroffen. Jedes Jahr erkranken mehr als 200 000 neu. Tendenz steigend.

Was aber steckt hinter diesen nüchternen Fakten? Was bedeuten sie für Betroffene und Angehörige? Und wie fühlt es sich an, wenn nach und nach der Bezug zur Realität verloren geht, wenn die Frau, der Mann, die Kinder zu Fremden werden, wenn das große Vergessen beginnt?

Die Berliner Theaterregisseurin Helena Waldmann stellt diese Fragen in ihrem Soloprojekt "Revolver besorgen" und hat dafür mit Brit Rodemund eine kongeniale Partnerin gefunden. Mittwochabend gab die ehemalige Solistin am Staatsballett Berlin zum Festival "Theater in Bewegung" in Jena eine berührende und zugleich bedrückende Vorstellung.

Ein Knall, dann stürzt die Tänzerin wie ein Brett auf die Bühne. Marschmusik dröhnt, Maschinengewehre rattern. Brit Rodemund schultert ein imaginäres Gewehr und wird zum zackigen Soldaten. Erinnerung an Kindertage? Vielleicht. Was weit zurück liegt, ist gegenwärtig, noch sind die Augen klar. Erst als Brit Rodemund ihre Schuhe auszieht, mit ihnen spricht und auf den Körper einschlägt, beginnt die lange Reise ins Vergessen.

Wie Brit Rodemund aus der Welt fällt, in einem Moment scheinbar glücklich im Café sitzt und Walzermusik hört, im anderen auf dem Boden liegt und mit den Händen zwischen den Beinen verzweifelt intimste Berührung sucht, das ist anrührend und verstörend und an Intensität kaum auszuhalten.

Ganz bei sich ist Brit Rodemund, die großartige klassische Tänzerin, wenn sie aus "Schwanensee" tanzt oder "Giselle" und die eigene Bühnenzeit erinnert. Plötzlich knicken diese Erinnerungen, die Schwanenarme fallen, das Kinn sinkt auf die Brust, mit hängenden Schultern läuft die Tänzerin orientierungslos über die Bühne. Von einer Sekunde auf die andere verliert sie ihr strahlendes Lächeln, Schleier legen sich über ihre Augen.

Helena Waldmanns Bühne kommt mit wenigen Requisiten aus: ein konkaver Spiegel, der das Gesicht verzerrt, ein wirrer Haufen aus orangenen Mülltüten. Eine knetet Brit Rodemund mit den Händen, lauscht dem Knistern, formt einen Ball, riecht daran. Dazu verliest eine Stimme aus dem Off eine Patientenverfügung, erläutert ein Pathologe, wie er ein Gehirn seziert, flüstert eine alte Dame ihre Ängste in den Raum: Man wird einfach vor Tatsachen gestellt, man kann nicht zufrieden sein. Ich habe doch all meine Pflichten erfüllt, die notwendig waren...

Das berührt ganz tief, macht unendlich traurig und nachdenklich, macht Angst. Am Ende ist herzerfrischendes Babylachen zu hören, dem man sich anschließen möchte. Dann ein Knall.

Helena Waldmann ist sozusagen Stammgast beim Festival in Jena. Nach diesem großartigen Abend mit der fantastischen Tänzerin Brit Rodemund wünscht man sich, dass es so bleiben möge. Das Publikum jedenfalls bedankt sich mit herzlichem Applaus.
Sabine Wagner, Thüringische Landeszeitung 23.11.2012

SCHöN, GROTESK, FRAGIL UND BRUTAL ZUGLEICH
Die Tänzerin Brit Rodemund fällt mit einem lauten Knall auf die Bühne. Mit einem Schlag setzt die Musik ein, die Tänzerin springt auf und marschiert in grotesken Exer- zierschritten auf und ab. Ihre Sandalen klatschen rhythmisch auf den Bühnenboden. Mit diesem Auftakt war es von der ersten Minute an klar, dass das Publikum nicht mit einer gewöhnlichen Tanzperformance, sondern mit einer gänzlich unbekannten konfrontiert werden würde. Die Tanzperformance «Revolver besorgen», die am Eröffnungsabend des Rheinfallfestivals gezeigt wurde, stellt die Demenz, das Vergessen, das flüchtige Erinnern, den Verlust und den Schmerz, aber auch das Glück schonungslos in bewegenden Bildern und Tönen dar. In diesem einstündigen Soloprojekt, das der Fantasie der Tanzregisseurin Helena Waldmann entsprungen ist, sind die grazilen, mi- nuziösen Bewegungen des klassischen Balletts dem Zerfall ausgesetzt. Die Fi- gur verbröselt. Dann und wann aber fängt sie sich wieder auf. Krümmt sich. Bäumt sich auf – gegen das Vergessen. Die Hemmungen fallen, und das Trieb- hafte des Menschen greift durch, um dann abrupt wieder in das Schöne, das leichtfüssige, disziplinierte Schweben einer Ballerina überzugehen. Stolz und
aufrecht. Gekrümmt und verloren. Suchend tastet die Tänzerin mit den Händen den Boden ab. Schön, grotesk, brutal und verwundert zugleich zeigt sie die zarten zerbrechlichen Hüllen des menschlichen Körpers, einer Person, der ihre vertraute Welt abhanden gekommen ist. Überlagert wird die Tanzperformance mit Gesprächen aus dem Off. So ist zum Beispiel in einer Szene ein Pathologe zu hören, der, während er ein Gehirn seziert und in Scheiben schneidet, jeden seiner Schritte detailliert erläutert. «Revolver besorgen» ist ein eindrückliches, unvergessliches Stück, das aber auch sehr viel vom Publikum abverlangt. Es verstört. Konfrontiert. Das Publikum bleibt von der Innenweltsicht der Tänzerin ausgeschlossen und hat beklemmende Szenen auszuhalten. Gleichsam wird dadurch auch die Stille, in der die Tänzerin erstarrt und in ihrem Spiel innehält, beinahe unerträglich. Das Stück berührt und bewegt. Die Tänzerin, die mit ihren Gesten und Bewegungen das Vergessen in den Raum einschreibt, taucht immer tiefer in ihr eigenes Lied ein. Entfernt sich und lässt den Zuschauer in seiner Aussenwelt immer weiter zurück. Das Publikum jedenfalls hat das Stück ausgehalten. Was bewundernswert ist. Für die aussergewöhnliche und brutal-brillante Performance gab es denn auch einen grossen Applaus.
Claudia Härdi, Schaffhauser Nachrichten 28.6.2012

GERMAN DANCE PLATFORM
Here Helena Waldmann's get a revolver scored. It was a sensitive and intelligent exploration of dementia balancing the desperately sad, painful and even funny moments in an outstanding performance by Brit Rodemund. Her expressive face and body covered the spectrum, inhabiting the mind of the old woman while her body recalled the young in a thrilling duality. The ingrained patterns of ballet training, like a poem learnt early and never forgotten, serve as a peg for remembering, while mundane household objects like a plastic bag become a source of great discovery in her unleashed and roaming mind. It was a tour de force for Rodemund, who sustained the character to the climactic and chilling end.
Maggie Foyer, Dance Europe April 2012

NEBEN DEN ABGRüNDEN
Wie ein Brett fällt die Tänzerin aus den Kulissen und robbt auf das Schlachtfeld Bühne. Mit einem Schlag setzt Musik ein, die die aufgesprungene Brit Rodemund mit Exerzierschritten und immer neuem imaginären Gewehrpräsentieren beantwortet. Ton und Bewegung sind da miteinander in eine Endlosschleife geraten, aus denen sie erst diese Sequenz aus Gustav Mahlers Kindertotenliedern erlösen wird. "Revolver besorgen" hat Helena Waldmann ihre Solochoreographie zum Thema Demenz genannt. Ein begeisternder Abend zwischen klassischem Ballett und Themenperformance, der jetzt im Lörracher Burghof zu Gast war.

Die Tanzregisseurin, die schon früh mit Größen wie Heiner Müller und George Tabori gearbeitet hat, nutzt für ihre bühnenseitige Weltsicht ungewöhnliche, gerne gebrochen verstörende Blickwinkel. Eine Innensicht der uns alle bedrohenden Welt des Wissens- und Erinnerungsverlustes kann nicht gegeben werden. Was die selbst knapp 40-jährige frühere Primaballerina Brit Rodemund auf der Bühne dagegen Schritt für Schritt, auch stolpernd und sich regelrecht in eigenen Bruchstückerinnerungen verfangend entwickelt, ist eine Außensicht – so könnte es sein – die bewusst auch Befreiendes und außergewöhnlich schöne Bilder hat. Sie stehen neben Abgründen. Das Stück will und kann nicht stellvertretend für jede Form der Demenz stehen. Beispielhaft nimmt es dagegen die Figur der Tänzerin, die sich an Tanzfiguren, etwa an Giselle oder den schwarzen Schwan erinnert.

Mit mächtig gebreiteten Schwingen und in nahezu abhebend fließenden Armbewegungen schwebt da eine Meisterin ihres Fachs, die ohne jedes Schwanenkostüm, ohne Röckchen und Dekor ihre Figuren lebendig werden lassen kann. Noch bevor sich das Publikum aber in soviel bewegte Schönheit wirklich hat einsehen können, folgt wieder ein Bruch, das nächste Abbröckeln schließt sich an die Eingangsszene an. Dann gibt es Phantasieeinlagen, Großartiges, wie die mit abgeknicktem Oberkörper quasi auf dem Kopf getanzte Carmen. Als Hauptrequisiten nutzt Brit Rodemund auch hier ihre anfangs zum Stechschritt noch klappernd getragenen Absatzsandalen. Der Carmen werden sie zum Fächer, der Tanzelevin zum die Glieder einzeln züchtigenden und den Körper auf Perfektion trimmenden Schlaginstrument und der nach der Erinnerung Suchenden schließlich zum Handspiegel und Streitpartner.

Ein Berg in einer Ecke halb geknüllt, halb geplustert liegender blassroter Plastiktüten wird daneben zum bald magisch leuchtenden Bühnenbild. In einer Szene verliert sich die Tänzerin in diesen Tüten regelrecht, die verkörperte Krankheit lässt sie im Erinnerungsmüll graben, aber auch tief in das form- und zeitlose Material eintauchen und damit eine Art Meeresrauschen erzeugen. Vertont wird der Abend mit einem seinerseits in Bruchstücke zerfallenden Radiofeature, für das neben Helena Waldmann die radioerfahrene Dramaturgin Dunja Funke verantwortlich zeichnet. Aus collagierten Originaltönen lassen sich Teile der fürs Stück recherchierenden Vorarbeit nachvollziehen. Der Soziologe Reimer Gronemeyer beschreitet da etwa mit seiner Ursachenforschung neue Wege, während der Neuropathologe Frank Heppner mit klirrendem Besteck und jeden Schritt kommentierend ein vom Zerfall betroffenes Hirn seziert.

Immer wieder durchbrochen wird alles von meist leicht zuzuordnenden Klängen. Tief in die musikalische Erinnerung, die der Abend hinterlässt, gräbt sich titelgerecht Nat King Coles "Unforgettable". Hier mag es sowohl die übrig geblieben Bruckstücke meinen als auch die vordem Gekannten. Helena Waldmanns "Revolver besorgen" ist ihrem vor zwei Jahren gestorbenen, seinerseits dementen Vater gewidmet. Das Denkmal, das sie darin aufrichtet, will ausdrücklich einen Teil des mit der neuen Volkskrankheit verbundenen Entsetzens relativieren. Brit Rodemund hat in Tanzperfektion glaubhaft und ohne den geringsten Verschleierungsversuch etwas Großes geschafft.
Annette Mahro, Badische Zeitung 31.3.2012

KAPRIOLEN DER GEISTES
"Ich bin der Welt abhanden gekommen", heißt es in einem Rückert-Lied von Gustav Mahler, das sich wie ein Leitmotiv durch das aktuelle Tanzstück von Helena Waldmann zieht. In "Revolver besorgen" setzt sich die Berliner Choreografin mit dem Thema Demenz auseinander. Sie schöpft dabei aus eigener Erfahrung mit ihrem Vater. Inspiriert wurde der Titel von einem Dialog zwischen ihm und seiner Frau, der mit dem Worten "Du musst einen Revolver besorgen" begann. (...) Es sind Zustände tiefster geistiger und seelischer Verwirrung, denen Brit Rodemund hier Ausdruck verleiht. Der Verstand spielt Kapriolen und das Gedächtnis verselbstständigt sich, wenn die ehemalige Staatsopern-Ballerina mit grotesk überzeichneten Bewegungen über die Bühne marschiert und ein imaginäres Gewehr präsentiert. Bei einem Trinkgelage mutiert sie zu einer mechanischen Puppe, die außer Rand und Band gerät, um dann zu einem grässlich verzerrten Jodler die Hosen runterzulassen oder hingebungsvoll sabbernd einer amerikanischen Liebesschnulze zu lauschen.Rodemund gelingt bei ihrer Darbietung ein erstaunlicher Balanceakt. Einerseits zeichnet sie die innere Not und Verlorenheit eines Demenzkranken nach, andererseits entwickelt ihr Tanz eine außerordentliche, geradezu klassische Ästhetik, die immer wieder durch komische Einlage gebrochen wird – etwa wenn sie sich ein Glasprisma, das wie ein Vergrößerungsglas wirkt, vor das Gesicht hält und damit grimassierend vor dem Publikum auf und ab läuft, während aus dem Off ein Arzt die verschiedenen Symptome der Demenz erklärt oder ein Pathologe mit wissenschaftlicher Akribie über die Vorgänge beim Sezieren eines Gehirns spricht.

Eine beeindruckende Inszenierung, die trotz des düsteren Themas vor Schönheit strahlt.
Helmut Jasny, Münstersche Zeitung 26.3.2012

DIE KUGEL IM KOPF
Mit einer Mimik und Tanztechnik, die wie selbstverständlich daherkommt gelingt es Rodemund, zwischen zwei Welten zu wechseln: Mal verkörpert sie Vitalität und Lebensfreude, dreht schöne Pirouetten, mal schlurft sie krank und traurig über die Bühne, mit hängenden Schultern, den Kopf gesenkt, als müsste sie sich selbst daran erinnern, einen Fuß vor den anderen zu setzten.
Helena Waldmann gelingt es, die geistigen Aussetzer durch Bewegung spürbar zu machen, wenn die Tänzerin zwischen ästhetischer Selbstdarstellung und Gesichtsverlust schwankt. Zu Recht ist die wandelbare Brit Rodemund für diese Leistung von der Zeitschrift "tanz" zur Tänzerin des Jahres 2011 gekürt worden. Kunstvoll schafft sie den Spagat zwischen Perfektion und Entgleisung, bis es nur noch organisch ums Überleben geht und die Kugel im Kopf endlich Erlösung bringt.
Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten 26.3.2012

WENN GEHIRN UND PERSöNLICHKEIT VERSCHWINDEN
Die Gesichtszüge durch den konkaven Spiegel verzerrt, der Körper schüttelt sich zum Rhythmus des vom Band eingespielten, befreienden Kinderlachens: plötzlich Schuss, Ende, aus. Zur Thematik Demenz hat die Berliner Choreographin Helena Waldmann mit der Tänzerin Brit Rodemund die dicht inszenierte Performance "revolver besorgen" erarbeitet.
Brit Rodemund zeigt mit beeindruckende Bühnenpräsenz dieses Solo-Stück und füllt locker die große, kahle Bühne mit ihrer kraftvollen und wandelbaren Tanz- und Darstellungskunst. Zu Beginn zackige Marschbewegungen, Musik und Bewegung verändern und verlangsamen sich. Immer wieder kehren Sequenzen des energischen und energievollen Beginns, die sich in hilfloses Taumeln verwandeln. So wie auch die Demenzerkrankung das Gehirn zum Verlangsamen bringt. Es sind berührende, traurige, aber auch poetische und schöne Momente. Ein mit Sorgsamkeit und Respekt choreographiertes Stück über eine Krankheit, die so viele betrifft.
Silvia Nagl, www.nachrichten.at 15. März 2012

ANGSTTHEMA "DER WELT ABHANDEN KOMMEN"
"Revolver besorgen" nennt sich die Arbeit der Berliner Choreographin Helena Waldmann, die am Dienstag den ersten Höhepunkt der TanzTage im Linzer Posthof bildete. Sie spielt damit auf einen Wunsch ihres demenzkranken Vaters an und setzt sich mit dem Angst besetzten Thema des Ich-Verlusts auseinander.

Mit einem Knall beginnt und endet das Stück, in dem die Tänzerin Brit Rodemund den Kern unseres menschlichen Selbstverständnisses umkreist. Im Stechschritt kommt sie auf die Bühne, bevor sie einen Schuh auszieht und sich diesen auf den Kopf setzt. Was ist ein Schuh? Was ist meine Haut? Nichts ist mehr selbstverständlich für einen Menschen, der sein Gedächtnis verliert – er ist der Welt abhanden gekommen und lebt jetzt in seinem eigenen Himmel, wie das eingespielte Mahler-Lied nach einem Text Friedrich Rückerts stimmig verdeutlicht. Ebenso eindrücklich Brit Rodemunds Leistung: Sie bringt ihr Repertoire der ursprünglich klassischen Ballettsolistin ein, wenn sie sich ganz auf sich selbst bezogen dreht und vor Freude springt. Die Erinnerungen an früher knicken jedoch plötzlich ein, der Blick wird fragend, die Bewegung stoppt – Orientierungslosigkeit wechselt mit freier Improvisation, denn im Vergessen kann auch ein Ausbruch aus den Alltagscodes und -zwängen liegen.

Trotzdem hatte man als Zuschauerin bei aller Begeisterung für diesen intelligenten und einfühlsamen Abend einen Kloß im Hals, so nahe rückte einem das Thema.
Birgit Thek, Neues Volksblatt 15. 3.2012

EIN WUNDERBARES TANZDRAMA
Es ist nicht wirklich ein vergnüglich-entspannendes Programm: Helena Waldmanns "revolver besorgen" setzt den Tanz auf das Thema Demenz an. Das ist verstörend, aber auch schön anzuschauen, ja manchmal sogar zum Lachen. Ein hoch spannender Abend bei den Tanztagen im Linzer Posthof mit befreiend viel Beifall.

Vergessen ist nicht nur Schrecken auch wenn das Ende radikal ist. Das Stück heißt nicht umsonst "revolver besorgen". Irgendwie ist aus der Alten wieder ein Kind geworden. Ein wunderbares Tanzdrama!
Kronenzeitung 15.3.2012

DER WELT ABHANDENGEKOMMEN: "REVOLVER BESORGEN" IN LUXEMBURG
Eine weiße, quadratische Bühnenfläche. In der Ecke ein aufgetürmter Haufen durchsichtiger, organischer Plasiktüten. Ein überdimensionales Vergrößerungsglas als einziges Requisit. Eine sparsame Ausstattung.
Aber es braucht nicht mehr, wenn man eine klassische Tänzerin mit der Ausdruckskraft von Brit Rodemund hat. Selten erlebt man Tanz so nahe, so unmittelbar, kann die Arbeit und die Anstrengung nachvollziehen, hört das Atmen, sieht, wie sich das Gesicht rötet. Sie lässt Nähe zu – und holt den Zuschauer damit unmittelbar in das Stück hinein.
Demenz als Thema einer Choreographie: Das sorgt für Unbehaglichkeit. Obwohl Rodemund für "Revolver besorgen" in Deutschland als " Tänzerin des Jahres" gekürt worden ist, sind es vielleicht 150 Besucher in Studio des Grand Théåtre. "Wir müssen um unser Publikum kämpfen", sagt Helena Waldmann beim anschließenden Zuschauergespräch. Dabei hinterlässt der Abend alles andere als deprimierende Gefühle. Waldmann badet nicht in Verzweiflung, sie setzt filigran, persönliche Beobachtung in Bewegung um.
Wie selbstverständlich Dinge plötzlich fremd werden. Wie sich Vorgänge immer neu wiederholen. Wie die Tänzerin eine orangefarbene Tüte mit Erinnerungen öffnet, sie freilässt, mit ihnen spielt, sie wieder vergisst. Wie sich Gedächtnis und Körper deformieren, wie Zweifel und Verwunderung Einzug halten. Wie der Zerrspiegel einen Menschen verfremdet, sein Gesicht ins Lustige oder Tragische verändert -, und trotzdem bleibt es derselbe Mensch.
Das sind verblüffende Bilder, weil sie radikal die Sicht des Betroffenen einnehmen. Natürlich weiß niemand, was im Kopf eines Demenzkranken vorgeht, aber Waldmann kommt der Sache womöglich näher als jede medizinische oder wissenschaftliche Analyse.
Da ist kein Platz für Resignation. Wenn im Hintergrund Mahlers "Ich bin der Welt abhanden gekommen" erklingt oder Frank Sinatras "Unforgettable", dann wirkt das kein bisschen zynisch oder distanziert, so wenig wie die Einblendung von Orginaltönen eines Radiofeatures oder der Mitschnitt einer Gehirnsektion in der Berliner Charité.
Am Stärksten in der Schluss: Die Hauptfigur verschwindet im orangenfarbenen Berg der Erinnerungen, begleitet von einem ungeheuer ansteckenden Kinderlachen. Demenz als Rückkehr in den Schoß der Kindheit und des Lebensbeginns: Dass es in der Empfindung der Kranken so sein könnte, ist ein tröstlicher Gedanke. Langer, respektvoller, von Sympathie getragener Beifall.
Dieter Lintz, Trierischer Volksfreund 7.2. 2012

MAN KOMMT DER WELT ABHANDEN
Ballett auf höchstem Niveau hat das Ludwigshafener Publikum bei den Festspielen im Theater im Pfalzbau gesehen – nur irgendwie anders.

Denn Helena Waldmanns Stück "revolver besorgen" kommt als Collage aus Tanztheater und Radiofeature daher und rührt am Tabu-Thema Demenz. In einer einstündigen Tour entführte die Tänzerin Brit Rodemund die Zuschauer in die Welt der Altersverwirrten.

Die rassige Carmen steht auf dem Kopf. Die Füße vollführen die Ballettschritte, doch der Körper bleibt vornübergebeugt. Nur die anmutigen Handbewegungen aus dem Flamenco erinnern an die stolze Opernfigur. Leer ist die Bühne, bis auf einen bauschigen Berg aus Plastiktüten wie ein schwammiges Gehirn, in das die Tänzerin kriecht. Sie fischt eine Tüte heraus, wiegt sie in der Hand und formt eine Pistole, die sie sich an den Kopf hält. Sie blickt entschlossen, dann zweifelnd. "Lieber tot sein, als an Demenz erkranken, denken viele Menschen", sagt die Regisseurin Helena Waldmann. Deshalb heißt ihr Stück "Revolver besorgen".

Vergessen, das bedeutet aber nicht nur ein leichtes Auflösen des Verstands, ein "leichteres Gehirn", wie der Pathologe bei der Sektion eines dementen Hirns erklärt. Vergessen, das heißt auch Chance auf einen kreativen Neuanfang – auch für Waldmanns Inszenierungsweise. " Natürlich habe ich einen Theaterkoffer voll Erfahrungen, wie man ein Stück massentauglich inszeniert", erzählt Waldmann im Foyergespräch am Abend vor dem Gastspiel. Stattdessen nimmt sie in Kauf, dass die Ränge ob des ernsten Themas leer bleiben. Zuletzt hatte sie sich mit "Letters from Tentland", "Return to Sender" und "Burka-bondage" mit politischen und interkulturellen Inhalten auseinandergesetzt, nun habe sie ihre eigene Abneigung gegen Ballett überwunden, sagt die Regisseurin.
Antje Landmann, Mannheimer Morgen 26.11. 2011

ICH VERGESSE ALSO BIN ICH
Ein Schuss zerreißt die Stille. Und "revolver besorgen" von Helena Waldmann bricht aus dem Dunkel mit Marschmusik auf die hell erleuchtete Bühne. Die Choreographin konfrontiert ihr Publikum mit dem Thema Demenz. In "revolver besorgen" ist sie dem schwindenden Verstand auf der Spur, dem Vergessen. Dabei geht es ihr nicht allein um die tragische Dimension, vielmehr beschäftigt die Choreographin der Zustand im ständigen Vergessen als ein Modus des Seins. Mit der ehemaligen Ballerina Brit Rodemund gelingt Waldmann der Spagat zwischen den Polen, die das in der Welt verankerte und das aus ihr herausgefallene Sein bedeuten. Ein geschmeidiger und zugleich an die Form gebundener und gezähmter Körper wird sichtbar. Dann bricht die Bewegung unvorbereitet und unverbunden aus, zeigt die Tänzerin dem Publikum ihr Gesäß, die Hand zwischen ihren Beinen, pulsierend wie ein fremdes Wesen.
Und spiegelt mit dem von Mahlers vertonten Gedicht Friedrich Rückerts - "Ich bin der Welt abhandengekommen" - auch akustisch die Sprache des Körpers.
Mannheimer Morgen 26.11. 2011

TäNZERIN DES JAHRES 2011: BRIT RODEMUND
Weit, auch zu weit gehen, ohne sich zu verletzen

Brit Rodemund hat ihren grünen Rucksack schon fast wieder in der Hand, als sie sagt: «Vertrauen ist wichtig. Einen guten Choreografen zeichnet aus, ein guter Menschenkenner zu sein. Du musst Vertrauen bekommen, damit Dinge, die man für unmöglich hielt, möglich werden, damit er aus dir Sachen herauszufordern vermag und du diese Forderung zulassen und dann sehr weit gehen kannst, ohne das Gefühl zu haben, dich benutze jemand.» Mit diesen Worten entschwindet sie durch die Glastür ins Cappuccino-Tischchen-Gewirr des Prenzlauer Bergs. Den Umrissen der zierlichen Frau nachblickend, denkt man irgendwie chemisch: Vertrauen ist die Schlüsselressource, der Treibstoff, der Menschen zusammenbringt und gemeinsam befördert.

Bei «revolver besorgen», dem jüngsten Soloprojekt der Tanzregisseurin Helena Waldmann, hat Brit Rodemund dieses Vertrauen offenbar verspürt. Derart gestützt und umhegt ist sie tänzerisch in Bereiche vorgedrungen, in denen dem menschlichen Intellekt Grenzen gesetzt sind und die Gefühle einer großen Verwirrung unterzogen werden. Brit Rodemund tanzte Demenz. Ein Wagnis, eine Unmöglichkeit eigentlich. «Ich erinnere mich, wie ich irgendwann einfach losgelegt habe und mich nicht mehr dafür interessierte, ob es peinlich wirkte. Ich konnte Widerstände ablegen. Im Vergessensloch, was unsere Probensituation ja auch war, wurde alles möglich: Sabbern, Onanieren, Beschimpfen, Fratzenschneiden und nur eine Sekunde danach Balletttanzen. Irgendwann habe ich aufgehört, an Absicherung zu denken, und bin einfach weiter und tiefer gegangen», so beschreibt sie den Kern der Arbeit mit Helena Waldmann.

Allein um an den Ausgangspunkt der Zusammenarbeit mit Helena Waldmann zu gelangen, musste Brit Rodemund weite Wege zurücklegen. Sie erklomm zunächst Spitzenpositionen im Ballett. Sie war Staatsopernsolistin – mit allem, was es mit sich bringt, in einem Apparat der Perfektion an herausgehobener Stelle tätig zu sein, und mit aller Angst vor jedem noch so kleinen Fehler, der unweigerlich einen ganzen Abend als verloren und zerstört erscheinen lassen konnte. Um neue Freiheiten zu erlangen, künstlerische wie persönliche, ertastete sie später den Interpretationsspielraum der Neoklassik und begegnete schließlich dem zeitgenössischen Tanz. Eine folgenschwere Begegnung. «Ich habe gespürt, es war noch etwa anderes in meinem Körper», sagt sie, um eine Sehnsucht nach unten, nach dem Boden, der Schwerkraft entgegen: «Ich war immer oben, immer auf den Spitzen, immer im Flug», lacht, «und da habe ich gedacht, du musst da unten hin, da gibt es noch etwas anderes, da sitzt eine andere Kraft.»

Sie ging an zu dem von Martin Puttke moderner aufgestellte aalto ballett theater nach Essen und später zu Daniela Kurz in Nürnberg. Seit elf Jahren ist sie nun freie Tänzerin und arbeite unter anderem mit Marco Santi, Nina Kurzeja, Tomi Paasonen, Efrat Stempler und dem niederländischen Choreografenduo Dansity.

Was Brit Rodemund zur Jahrtausendwende bei ihrem Weggang aus dem letzten großen Haus noch nicht genau wusste, aber wohl fürchtete und ahnte, war, dass diese nach oben geöffnete Parabel der produktionsästhetischen Selbstbefreiung mit einer nach unten gekrümmten Parabel im Koordinatenkreuz der sozialen Anerkennung verschränkt sein sollte: Von einer großen, penibel strukturierten Kompanie mit fester Bezahlung und klarem Tagesablauf ging der Weg über lockerer gefasste Zusammenhänge mit weniger Geld und abnehmenden Distinktionsmöglichkeiten in die Welt der freien Tänzer, die heute geheuert und morgen gefeuert werden und sich übermorgen in einem Engagement wiederfinden, das nicht einmal die Kosten für die Miete einbringt, um dabei die Erfahrung machen können, wie paradox und banal zugleich sich das Heute mit dem Morgen und das Übermorgen mit dem Gestern kreuzen.

In «revolver besorgen» nun ist Brit Rodemund ein Bravourstück gelungen, das mehr als zwei Jahrzehnte Tanzerfahrung kondensiert und konzentriert. Die Tänzerin Brit Rodemund und die Tanzregisseurin Helena Waldmann extrahieren Elemente des Balletts. Sie präparieren sie als zarte, zerbrechliche Hüllen und setzen sie dem Bewegungsablauf des Verfalls aus. Giselle, die schwebende Figur des romantischen Balletts, findet sich auf dem Boden sitzend wieder, selbstvergessen mit ihren Schläppchen spielend wie Kinder mit Bauklötzen. Carmen, die Fordernde und Werbende, ist im Oberkörper abgeknickt. Der Blick richtet sich auf die Erde. Die schwungvollen Bewegungen, die Aufmerksamkeit erregen sollen, die Stolz markieren, laufen in etwas Suchendes und schließlich sich selbst Verlierendes aus.

Diese Transformation ist Absicht. Denn «revolver besorgen» zeigt den Verlust auf, den ein Demenzkranker an sich selbst erkennt und erleidet und den – auch und vielleicht vor allem – die anderen an ihm diagnostizieren. «Die Demenz trifft uns im Kern unseres Selbstverständnisses. Deswegen ist sie auch so bedrohlich. Das ist nicht sowas wie Krebs, Tuberkulose oder Syphilis, sondern es ist das, was uns in unserer ureigenen Existent am meisten bedroht», sagt der Soziologe Reimer Gronemeyer in einer Audioeinspielung im Stück. Als «Abbruchkanten» bezeichnet Helena Waldmann dann auch jene Momente, in denen der Kopf nach unten fällt, der Oberkörper zusammensackt, sich die Glieder aber noch immer an jene Bewegungen erinnern, die sie einst ausgeführt haben, die in sie eingeschrieben sind, die sie jetzt reproduzieren und dabei einer Bedeutungsverschiebung unterziehen.

Diese Methode wurde gefeiert. «Ein Höhepunkt der Saison!», jubelte die Tanzkritikerin Melanie Suchy. «Ihre Ballettsequenzen strahlen klassische Schönheit aus, dann bröseln sie, sie erstarrt in Pose oder senkt den Oberkörper, als müsse der Kopf nicht mehr oben sein», schreibt sie. Willibald Spatz lobt bei «nachtkritik» «eine eigenartige Faszination für diesen schwebenden, traumähnlichen Demenzzustand», die durch die Überlagerung von Experteninterviews zum Thema Demenz und Brit Rodemunds Aktionen entstehe.

Auch für die Tänzerin selbst stellte die Produktion einen Meilenstein dar. «Wenn mich vor zehn Jahren jemand gefragt hätte nach einem Bild für das, was ich erreichen möchte, und ich damals ‹revolver besorgen› gesehen hätte, dann hätte ich bestimmt gesagt: ‹Wenn ich da einmal hinkomme, bin ich glücklich.› Denn ‹revolver besorgen› bündelt sehr viel in meinem Leben. Es ist Freiheit darin, Klassik, szenische Momente, Dreck, Reibungen. Es hat alles, was ich mag», sagt sie. «revolver besorgen» ist eine Studie der Erinnerung, ästhetisch wie thematisch. «Ich fand es schön, mich noch einmal ganz groß mit Klassik auseinanderzusetzen. Das war heilsam. Manchmal denkt man ja, man soll dem Gewesenen keine Träne nachweinen. Aber es hat ganz lang zu meinem Leben gehört, und ich mag es auch sehr. Dieses Material zu nehmen und in einen ganz anderen Kontext zu setzen, brachte es mir nicht nur wieder nahe, sondern verlieh ihm gleichzeitig eine neue Dringlichkeit», sagt Brit Rodemund, denn ihr Körper erinnerte sich an alles. Jede Bewegung war eingeschrieben, eingeprägt, zuweilen selbst noch Korrekturen, die vor fast zwanzig Jahren erfolgt sind. «Du machst diese Bewegung, und plötzlich kommt dir diese Korrektur in den Sinn. Das ist schon verrückt», findet sie.

Das Tüfteln am Abbröckeln des Klassischen verlieh diesem körperlichen Erinnerungsprozess eine weitere Dimension – und machte großen Spaß: «Es war unglaublich, damit zu arbeiten, herumzukneten, die Bewegungen auseinanderzuziehen und zu gucken: An welcher Stelle baue ich einen Bruch ein? Wo setze ich das Röcheln im Penché? Was geschieht mit einer Pirouette, die ich mit geneigtem Kopf tanze?» «Es bleibt die ‹Carmen›, das Material der ‹Carmen›, doch es wird spannender, seltsamer», sagt Helena Waldmann und setzte ausgehend von dieser Erfahrung in einem Interview zu einem fundamentalen Diskurs an: «Diese vorgeschriebenen Wege im Ballett sind Quatsch. Warum soll eine klassische Tänzerin ab einem bestimmten Alter nur noch die Mutter tanzen? Das Stück ist ein Plädoyer für einen Ausbruch aus diesen Einbahnstraßen und klar vorgegebenen Richtungen.»

Brit Rodemund ist schon vorher ausgebrochen. Die Tänzerin nahm etwas verärgert zur Kenntnis, dass ihr wegen der neuerlichen Berührung mit Formen des Balletts in «revolver besoregn» nun wieder das Etikett der Ballerina aufgesetzt wurde. «Ich bin das nicht mehr. Seit elf Jahren bin ich freischaffende Tänzerin im zeitgenössischen Tanz», stellt sie klar. Aber sie verhehlt nicht, was die alte Welt ihr gegeben hat: Konzentration, Motorik, eine bestimmte Form der Dynamik, ein geschliffenes Körperinstrument: «Als ich freischaffend wurde, habe ich zunächst gedacht: ‹Das mache ich jetzt nicht mehr, das kann ich wegwerfen.› Doch dann kam mir in den Sinn, dass das alles ja zu mir gehört. Und ich sah, dass viele moderne Tänzer klassisch trainieren, weil dies den Körper anders erzieht.»

Es gibt sogar Dinge, die sie vermisst, die sich bei den gegenwärtigen Produktionsbedingungen des zeitgenössischen Tanzes einfach nicht herstellen lassen: «Ich hätte schon gern eine Garderobe. Dann müsste ich nicht immer diesen grünen Rucksack mit mir rumschleppen», denn freie Tänzer vagabundieren sind von Probenraum zu Probenraum. Zurück in den Ballettbetrieb mit all der Infrastruktur und sogar einem festen Platz an der Stange will Brit Rodemund, selbst wenn sie es könnte, nicht. Lieber unternimmt sie einen weiteren Ausflug in ihr noch wenig vertrautes Terrain. Sie entwickelt ihre eigene Choreografie im Tanz-Akrobatik-Musik-Spektakel «The Time Between», das im August in Tallinn gezeigt wird. Für die Zukunft erhofft sie sich vor allem Vertrauensgaben von Choreografen, um mit ihrem Instrument in neue künstlerische Räume vorzustoßen. Dafür hält sie ihren grünen Rucksack bereit, der all die Dinge enthält, die für einen Tänzerinnenarbeitsplatz wichtig sind. Ein neues, immaterielles Werkzeug darin ist die Radikalität, die sie in der Arbeitsweise bei «revolver besorgen» erfuhr. «Die war ja schon im Thema des Stücks angelegt: Die Freiheit, die im Vergessen liegt, trifft auf Festgeschriebenes, Vertrautes und schon oft Wiederholtes». Es ist ein Paradox, ein Widerspruch, womöglich gar ein dialektischer Zusammenhang, dass eine besondere Qualität des Entdeckens gerade im Vergessen liegen kann. In «revolver besorgen», einem in den Raum geschriebenem Nachdenken über das Vergessen, hat Brit Rodemund ihren Teil zu einen unvergesslichen Abend beigetragen.
Tom Mustroph, tanz jahrbuch 2011

REVOLVER BESORGEN
Am Anfang knallt es. Am Ende auch. Erst Kriegslärm, dazu Orchestermusik, die Tänzerin fällt von der Seite auf die Bühne. Dann marschiert sie mit imaginärem Gewähr und schnaubt. Sie ist Zinnsoldat, ein altes Kinderspiel. Ganz zum Schluss lacht denn auch ein Kindchen aus dem Off, viel zu lange, unaufhaltsam, und die Ballerina wird verschluckt von einem Berg rötlicher Plastiktüten. Schuss.
Das Drama hier ist aber nicht das Sterben, wie auch immer, sondern das Leben davor, genauer: das Erinnern und das Vergessen. „Revolver besorgen“, wie auf einem Einkaufszettel, nennt die Berliner Tanzregisseurin Helena Waldmann ihr neues Stück.
Ein Höhepunkt der Saison! Nicht nur die abrupten Lichtwechsel, die knittrigen Plastiktüten, der zum Hut erklärte Schuh und Tonaufnahmen von Wissenschaftlern und einer Sexualassistentin sprechen von Demenz oder signalisieren Verlust von Gewohnheiten. Vor allem die großartige Brit Rodemund verkörpert ihn, bis zum Leerwerden der Augen. Ihre Ballettsequenzen strahlen klassische Schönheit aus, dann bröseln sie, sie erstarrt in Pose oder senkt den Oberkörper, als müsse der Kopf nicht mehr oben sein.
Melanie Suchy, Rheinische Post 30.5.2011

LANGSAM INS VERGESSEN GLEITEN
Mit 'revolver besorgen' ist Helena Waldmann eine beeindruckende Interpretation gelungen, von Brit Rodemund grandios umgesetzt.
Thomas Hag NRZ 30.5.2011

SELBST DER EIGENE KöRPER IST EIN WUNDER
Die Arbeit Helena Waldmanns ist ein Glücksfall fürs Theater. Die Berliner Choreografin ist eine Magierin der Bühne, die weiß, dass ein Stück nur gelingt, wenn es das Spiel mit Illusionen bedient. Und sie ist eine kritische, intelligente Instanz, die über die Mechanismen des Theaters auch gesellschaftliche, politische Konventionen hinterfragt. Sinnliches und Nachdenkliches gehen da immer zusammen.
Schönes Beispiel dafür ist ihre neue Produktion „Revolver besorgen“, die am Freitag zu Gast im Stuttgarter Theaterhaus war. Das Solo für Brit Rodemund nimmt das Ballett als Symbol für die Dressurleistung, die das Leben uns tagtäglich abverlangt. Im Stechschritt kommt die Ballerina zu Marschmusik auf die Bühne, bald nimmt sie die eigenen Schuhe, um sich selbst voranzupeitschen. Aber was passiert, wenn einer plötzlich nicht mehr funktioniert, die Schritte, Spielregeln vergisst, sich in einer eigenen Welt verliert?
Brit Rodemund zeigt in einer beeindruckenden Performance diesen Balanceakt zwischen gierig gemachten Entdeckungen und irren Abgründen. Krankhafte Demenz, das vermitteln die eingespielten Erläuterungen eines Neuropathologen beim Sezieren eines Gehirns, war Anlass dieses Stücks. Doch letztlich ist „Revolver besorgen“ auch ein Nachdenken über Zwänge und die Verlockungen eines Ausbruchs daraus.
Brit Rodemund wird im Verlauf der 60 Minuten zu ihrem eigenen Zwilling – klassische Ballerina mit umwerfender Präsenz, klarer Linie und schöner Geschmeidigkeit, dann Suchende, der alles, sogar der eigene Körper oder eine Plastiktüte, ein Wunder ist. Selbst in erschütternden Momenten wahrt sie ihrer Figur die Würde, die ein Mensch zum Menschsein braucht. Die Realität, man ahnt es, bevor ein Schuss dem Ganzen ein Ende setzt, sieht anders aus.
Andrea Kachelriess, Stuttgarter Nachrichten 9.5.2011

DAS IST JA AUCH EIN GROßER ABGANG
Welche Chancen liegen im Vergessen? Die Choreografin Helena Waldmann beschäftigt sich in „revolver besorgen“ mit Demenz

In „Letters from Tentland“ ließ sie iranische Frauen in Zelten tanzen und vom Leben unter einem islamistischen Regime erzählen. Helena Waldmann ist bekannt für ungewöhnliche Tanzprojekte. Um Demenz geht es in ihrem Stück „revolver besorgen“; am 6. und 7. Mai ist das Solo im Theaterhaus zu sehen.
Von Andrea Kachelrieß

Frau Waldmann, Demenz – kein gängiger Stoff im Tanz. Was hat Sie bewogen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Es ging mir erst einmal um das Vergessen als solches, als Freiraum. In unserer Gesellschaft ist das Erinnern als Leistung etwas sehr Positives; das Vergessen wird sehr negativ betrachtet. Ich habe am Beispiel meines Vaters, der an Demenz gelitten hat, sehr direkt erfahren, dass das Vergessen sehr positive Seiten haben kann. In unserer Gesellschaft ist die Demenz aber ein unglaubliches Schreckgespenst, das wollte ich entschreckgespensten und auch davon erzählen, welche Freiheiten das Vergessen mit sich bringt. Alle sehen nur die schlimmen Seiten der Demenz, sprechen von Orientierunglosigkeit, großer Angst, Hilflosigkeit. Das ist alles sicher wahr. Aber wir betrachten die andere Seite zu wenig. Das liegt natürlich daran, dass wir immer nur von außen auf das große Vergessen schauen und keine Innenansicht haben können.

Aber gibt es bei den Betroffenen selbst nicht vor allem ein großes Erschrecken über diese Krankheit?

Menschen mit Demenz merken immer wieder, dass sie von außen seltsam angeschaut und bemitleidet werden, wenn ihnen Sachen wegrutschen. Erst das Gegenüber zeigt einem: Du machst jetzt etwas falsch, du passt, so wie du bist, nicht mehr in unsere Gesellschaft, du musst wieder so werden wie wir, sonst können wir nicht mit dir umgehen. Wenn das Gegenüber anders reagieren und diesen Menschen zeigen würde, dass ihr Tun okay ist, wäre das anders.

Welche Innenansichten hat Ihnen der Umgang mit Ihrem Vater ermöglicht?

Indem ich jahrelang beobachten konnte, in welch unbekannte Welt mein Vater sich hineinbegibt, habe ich verstanden, dass ich andere Arten der Kommunikation erlernen muss, um ihn zu erreichen. Man kann nicht so stark über Sprache kommunizieren. Viel passiert über Körperkontakt, darüber, wie man sich bewegt und sieht, wie sich jemand anderes bewegt. Es gibt sehr viel stillere Momente, das große Aufgeregte, dieses Weltgetümmel, ist weg. Wir akzeptieren vieles, auch viel Schlechtes, ohne uns dazu zu äußern, weil man eben in dieser Gesellschaft zu funktionieren hat. Menschen mit Demenz haben eine unglaubliche Freiheit bekommen, sich gefühlsmäßig zu äußern. Dinge, die ihnen nicht gefallen, sagen sie sofort und direkt heraus. Ich habe erlebt, wie sie Weihnachtsfeiern aus den Angeln heben, weil sie reinschreien und sagen, wie schlecht sie das finden. Diese Wutausbrüche und Weinanfälle nenne ich affekt-inkontinent, weil sie eine so starke Emotionalität an die Oberfläche bringen.

Sie haben „Revolver besorgen“ mit einer klassischen Tänzerin erarbeitet. Warum?

In diesem Stück geht es um das Vergessen als solches. Das Ballett ist eine Festschreibung von Codes, immer geht es um das Repetieren von Schritten. Das Theater, ob Schritte, ob Texte, ist ja ein System der permanenten Wiederholerei, das absolute Einschreiben. Was bedeutet es gerade hier, das Erinnerte zu vergessen, loszulassen; damit wollte ich spielen. Da schien es mir sinnvoll mit einer klassischen Tänzerin zu arbeiten, die dieses wahnsinnige Primaballerinenrepertoire in ihren Körper eingeschrieben hat, wie Furchen ist das da drin. Brit Rodemund, die „revolver besorgen“ tanzt, war jahrelang als Solistin an großen Häusern engagiert. Viele der Rollen, die man in Bruchstücken sieht wie Teile von „Carmen“, „Giselle“ und der Schwarze Schwan, zeigt sie auf hohem Niveau. Was bedeutet es, wenn man an diesem Erinnern arbeitet und sozusagen die Abbruchkanten zeigt? Man merkt: Das ist anders, vielleicht sogar spannender, vielleicht einfach nur seltsam. Es entwickelt sich auf alle Fälle an einen Punkt, an demman nicht einfach sagen kann: Das ist aber falsch. Brit Rodemund tanzt zum Beispiel „Carmen“, aber sie tanzt sie mehr oder weniger auf dem Kopf. Das ist ein wahnsinnig schöner, berührender Tanz, aber es ist die Carmen.

Wie entwickelt sich diese Figur. Geht es Ihnen nur um die innere Auflösung oder auch um einen körperlicher Verfall.

Um beides. Es tauchen sehr viele verschiedene Stimmen auf. Die Person auf der Bühne ist nicht nur eine Frau mit Demenz, sie ist mal alte Frau oder einfach nur eine Fläche für unsere Fantasien. Ich will das Publikum in eine Situation bringen, in der es Vergessenszustände mitfühlen kann. Es gibt Momente, in denen Brit Rodemund mitten in einem schönen Tanz einfach stehenbleibt, die Musik läuft weiter – es rennt ihr einfach alles weg und sie weiß nicht, wo sie andocken soll, wo sie festhalten kann. Und plötzlich ist es wieder da. Diese Beobachtungen zu verbinden war eine große Herausforderung, aber interessant, weil sie so viel mit dem Theater zu tun haben. Das ist ja auch ein großer Abgang, es geht auch ums Sterben, ums Loslassen. In einem der eingespielten Mahler-Lieder heißt es, mir ist die Welt abhanden gekommen, da nimmt jemand Abschied vom Weltgetümmel. Das passt wahnsinnig gut: Es ist zu viel, was draußen stattfindet. Wir werden überfrachtet mit nutzlosen Informationen. Auch darum geht es: ums Zurücktreten, Nein dazu zu sagen, einen Abgang zu machen.

Gerade Tänzer haben eine kurze Karriere, müssen den Abgang also früh machen...

Was Brit Rodemund, eine Tänzerin, deren Ballettkarriere eigentlich schon vorbei ist, in „revolver besorgen“ leistet, ist beeindruckend. Jeder, der das Stück gesehen hat, wird sagen, dass er selten eine Tänzerin gesehen hat, die ein einstündiges Solo mit einer solchen Präzision und Dichte bewältigt. Diese vorgeschriebenen Wege im klassischen Ballett sind Quatsch. Warum soll eine Tänzerin ab einem bestimmten Alter nur noch die Mutter tanzen? Warum denkt man daüber nicht anders nach und lässt mehr Freiheiten? Auch um so komisch maßgeregeltes Verhalten geht es mir. Tatsächlich ist das Stück ein Plädoyer für einen Ausbruch aus diesen Einbahnstraßen und klar vorgegebene Richtungen, die wir immer meinen, gehen zu müssen.

Inwieweit sind Aspekte, die man mit Demenz in Verbindung bringt wie Ich-Verlust, Vergessen, naiv sein, auch Voraussetzung für die Schaffensprozesse in der Kunst?

Natürlich geht es auch in der Kunst darum, sich von allem Gewesenen freizumachen, von allem Gedachten, bereits Gemachten, was einen sehr einschränkt. Man begibt sich in den Moment des Schaffens hinein. Ich stehe jetzt auf der Bühne mit den Tänzern, für die ich mich entschieden habe und lasse auf mich wirken, was aus mir selbst und aus den anderen kommt, ohne mich zu maßregeln. Ganz wichtig ist auch das Moment des Spiels, die kindliche Lust daran.

Wie kam Ihr Stück zu seinem Titel?

Da gab es einen Dialog zwischen meinen Eltern. Mein Vater sagte: Du musst einen Revolver besorgen. Meine Mutter: Und wer schießt? Mein Vater: Du. Meine Mutter: Und wer erschießt dann mich, nachdem ich dich erschossen habe? Mein Vater: Da musst du dir eben jemanden besorgen. Meine Mutter erzählte mir am nächsten Tag, dass sei seit langem das schönste und längste Gespräch gewesen, das sie mit meinem Vater geführt habe. Das fand ich sehr berührend. Demenz läuft unabänderbar auf einen Endpunkt zu, da ist am Schluss der Wunsch verständlich, wenn jemand nicht mehr will.
Andrea Kachelrieß, Stuttgarter Nachrichten 5.5.2011

UNMITTELBARE GEFüHLE
... Theatereffekte werden klug eingesetzt: Hinter einer verzerrenden Vergrößerungsscheibe wirken die Grimassen der Tänzerin noch verrückter, durch die Nähe zum Publikum das langsame Sabbern eines Schleimfadens noch grotesker, durch perfekte Ausleuchtung wird die Spielfläche mit dem fluffigen Tütenberg in der Ecke noch wundersamer. Zum Schluss bleibt einem das sich im Stück ständig wiederholende Kinderlachen im Hals stecken.
Anneke Brüning, Badische Neueste Nachrichten Karlsruhe 6.5.2011

DER WELT ABHANDEN GEKOMMEN
Helena Waldmann hat mit dem Solostück ein Problem menschlichen Daseins ohne jedes Tabu so ins Vesier genommen, dass es zuweilen nicht mehr auszuhalten ist. Weil es um Dinge geht, die mehr im Verborgenen passieren, sich kaum in Kunstformen einpassen lassen und schon in der Realität ein Maß an Irritation auslösen, dass man dafür schwerlich künstlerische Gleichnisse findet. Es geht um Defizite. Solche, die sich ausbreiten im Hirn eines Menschen, von seinem Körper, seinen Verhaltensweisen Besitz ergreifen, die Erinnerungen auslöschen, Gewohnheiten vergessen lassen, Lebensweisen verändern. Diese so schwierigen Aufgabe hat sich die Regisseurin gemeinsam mit der aus Berlin stammenden Tänzerin Brit Rodemund gestellt, und man spürt bei der Aufführung, dass es sich die beiden unabhängigen Künstlerinnen nicht leicht gemacht haben, einen für sie akzeptablen Weg zu finden, und damit Unaussprechliches authentisch auf die Bühne zu bringen. Das ist ihnen unbestreitbar gelungen, sie haben Bilder gefunden, die sich einprägen, nähern sich eigenwillig dem Phänomen, das dem aus der Normalität herausgerückten Menschen als unberechenbares Wesen im Nacken und auf der Seele sitzt.
Gabriele Gorgas, Dresdner Neueste Nachrichten 3.5.2011

IN EINEM MOMENT HAMLET, IM NäCHSTEN OPHELIA
Die Choreografin Helena Waldmann hat ein Tanzstück über Demenz inszeniert. Ein Gespräch über die Erfahrungen mit ihrem Vater
Michaela Schlagenwerth

Der Vater der Choreografin Helena Waldmann war acht Jahre lang an Demenz erkrankt. Nach seinem Tod im letzten Jahr hat Waldmann ihre Erfahrung zu einem Solo für die Balletttänzerin Brit Rodemund verarbeitet. In dem Stück "Revolver besorgen" kommen aus dem Off Wissenschaftler zu Wort und eine älter werdende Tänzerin laviert an den Grenzen ihres früheren Könnens. Auch Erinnerungen an den Vater und die Menschen im Heim sind eingeflossen.

Frau Waldman, "Revolver besorgen", das klingt ein wenig bedrohlich. Was hat es mit dem Titel Ihres Stücks auf sich?

Der Titel soll nicht Angst machen, im Gegenteil. Ich finde, dass diese Krankheit zu einem Schreckgespenst gemacht wird. Die Menschen bekommen solche Angst, dass viele sagen, sie würden lieber sterben als dement sein. So sehr fürchten sie sich davor, diesen Ich-Verlust zu erleiden und orientierungslos in dieser Welt herum zu geistern. Ich habe mit meinem Vater aber auch sehr Positives erlebt. Die schlechte Seite ist ja weit genug verbreitet. Ich frage eher, was eigentlich das Gute ist.

Und was ist oder was könnte das Gute daran sein?

Die Kommunikation verändert sich, die Worte brechen weg, es findet eine ganz starke Entortung statt. Wo ist man eigentlich? Natürlich hat das mit einer großen Hilflosigkeit zu tun, aber die Wahrnehmung verschiebt sich. Das, was vorher über Kommunikation gelaufen ist, passiert auf einmal auf andere Weise, durch Berührung oder man spricht mit den Augen. Man fängt auf einmal an, Dinge in einem Menschen zu lesen, wo das vorher überhaupt nicht nötig war. Aber man muss bereit sein, das neu zu lernen.

Wusste Ihr Vater noch, wer Sie waren?

Nein, irgendwann nicht mehr. Das war sehr schmerzhaft und ich habe dann einen Trick angewandt. Ich habe, wenn ich kam, als erstes gesagt: "Ich bin's, deine Tochter." Sonst, wenn ich gekommen bin, hat er mich oft angeguckt und gefragt: "Wer sind Sie?" Aber mit der Hilfe hat es ganz gut funktioniert. Irgendwann hat mein Vater gefragt: "Bin ich dein Vater?" Das fand ich richtig gut.

War das nicht sehr traurig für Sie?

Natürlich war es das. Ich will auch die Demenz nicht verharmlosen, in meinem Stück denkt man nicht, das wäre etwas Tolles. Die Leute haben beim Rausgehen eher einen Kloß im Hals. Aber ich finde, es kommen in dieser Krankheit auch Dinge wieder zu Tage, als wäre jemand nicht durch das Nadelöhr der Erziehung gedrückt worden. Kinder kommen so frisch und unverbraucht auf die Welt und dann ziehen wir sie wie durch dieses Nadelöhr. Bei meinem Vater hatte ich das Gefühl, dieser alte Mann zieht sich wieder auf die andere Seite zurück. Jeder Mensch trägt eine Sorge um sich mit sich. Aber was passiert eigentlich, wenn diese Sorge wegfällt? Darin liegt auch etwas Befreiendes.

Aber ist es nicht eher so, dass Menschen, die an Demenz erkranken, oft vor Angst erstarren? Vor allem, wenn sie merken, sie haben etwas falsch gemacht und sie haben nicht einmal eine Ahnung, was es sein könnte. Das erleben viele als sehr bedrohlich.

Der Soziologe Reimer Heppner unterteilt den Krankheitsverlauf in drei Phasen. Die erste ist die Schlimmste. Wenn man merkt, wie das Gegenüber komisch reagiert, in der zweiten Phase ist das fast weg, in der dritten Phase dann ganz. Die Behauptung ist, und so habe ich es bei meinem Vater auch erlebt, je weiter die Demenz fortgeschritten ist, umso freier leben sie. Die Angst ist weg.

Oft switchen Demenzkranke aber jahrelang zwischen den Momenten, in denen sie quasi noch "die Alten" sind und denen des Vergessens.

Menschen, die mit Theater, mit Rollenspiel zu tun haben, kennen das. In dem einen Moment bist du Hamlet, im nächsten Ophelia. Ich glaube, dass es Dementen wahnsinnig hilft, wenn man das nicht als falsch, sondern als eine andere Rolle betrachtet. Es gibt hier in Berlin eine Schauspielerin, Anina Michalski, die früher auch bei Peter Zadek gespielt hat. Als ihre Mutter an Demenz erkrankte hat sie sich um sie gekümmert und dabei gemerkt, dass ihr diese Arbeit so einen Spaß macht, dass sie jetzt Demente betreut. Sie vermittelt den Leuten, dass es nicht falsch ist, was sie tun. Sie kriegen keine Angst, sie können in ihrem Gesicht lesen, dass sie jetzt keinen Fehler, sondern dass sie etwas jetzt einfach nur anders gemacht haben.

Vielen Menschen fällt das schwer. Gerade die nächsten Verwandten erleben das als Entgleisung, als etwas Unheimliches.

Das war in meiner Familie auch so. Es gab auch die, die sich sehr für meinen Vater geschämt haben. Mein Vater war Doktor der Chemie, ein sehr wortgewandter, klug denkender Mensch und auf einmal hat er sich unglaubliche Freiheiten herausgenommen. Er hat kein Blatt mehr vor dem Mund genommen, alles kam immer sofort im Moment heraus. Das habe ich oft in dem Heim erlebt, in dem mein Vater die letzten drei Jahre verbracht hat. Die Dementen haben dort teilweise ganze Feiern gesprengt. Als die ganze Verwandtschaft kam und schön auf Weihnachten machen wollte und gute Miene zu furchtbar pikiertem Spiel, da haben die Dementen das aus den Angeln gehoben, dass es nur so krachte. Das fand ich gut.

Wie ging es Ihrem Vater im Heim?

Er wollte dort nicht mehr raus. Die Welt drum herum war ihm zu groß. Er hatte keine Orientierung, er wusste überhaupt nicht, was Wiesbaden heißt oder was Bahnhof heißt. Er wusste, wo sein Zimmer war. Wenn wir im ersten Stock waren, hat er gesagt: "Lass uns hochfahren." Sein Zimmer lag im zweiten Stock. Er brauchte diese täglich sich wiederholende Räumlichkeit. Auch die Fragen meiner Mutter, ob er nicht einmal mit nach Hause kommen will, hat er immer verneint.

Es hört sich an, als ob Sie selbst mit dem allen sehr leicht und spielerisch hätten umgehen können.

Ich habe nach vielen Besuchen, wenn ich weggefahren bin, geheult wie ein Schlosshund. Aber ich habe an vielen Stellen auch so gelacht und so einen Spaß gehabt. Ich habe versucht, mitzugehen, zu verstehen, wo so ein Mensch hingeht. Ist das wirklich so schlimm? Die Ruhe, die mein Vater wollte, er wollte keine Filme mehr, auch keine Hörspiele mehr. Er hatte früher so gerne Hörspiele gehört, er wollte das alles nicht mehr, auch keine Fotos. Aber das ist nicht nur leer, es ist eine Welt, die wir nicht verstehen können. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das schlimm ist, es ist nur so anders.
Michaela Schlagenwerth, Berliner Zeitung 19.4.2011

VERFALL, KöRPERSPIEL UND GROßES TANZTHEATER
Unwillkürlich zuckt man zurück, bei diesem Projekt, das die Choreographin Helena Waldmann mit der ehemaligen Nürnberger Tänzerin Brit Rodemund schuf: Demenz als Tanztheater? Schroffer sind Gegensätze schwer vorstellbar, sie sind so weit voneinander entfernt, dass sie sich beim Stück 'revolver besorgen' quasi hinterrücks im Kreislauf berühren.
Die Solistin wird mit Knall auf die leere Bühne geworfen, wo in der hintersten Szenenecke ein Berg von rosa Tutus als Erinnerung an ein vergessenes Ballett-Leben zu leuchten scheint. Viel später werden die raschelnden Objekte als Plastiktüten erkennbar, sind also Mystik und Müllhaufen zugleich. Dann versinkt die Person, die zuvor am Gerüst eines strengen Bewegungs-Vokabulars entlang ihren Widerstand gegen die allmähliche Verdunkelung demonstrierte, zum Kindergelächter ihrer ersten Tage.
Waldmann fühlt hinein in die Abgründe derer, die 'der Welt abhanden gekommen sind' und findet nicht nur Melancholie und Hilflosigkeit. Mit wenigen O-Töne, trotzig dreinfahrenden Walzerklängen und dem Mut zur Stille, schafft sie einen Rahmen, in dem Brit Rodemund ganz großes Tanztheater zeigt. Das beginnt mit der strengen Marsch-Artistik, führt über glänzend bewältigte Ballettposen im harten Schnitt zum körperlichen Verfall und lässt erschaudern, wenn sich im Taumeln aus dem Regelwerk der alten Ordung schemenhaft die Ahnung eines anderen, alternativen Körperspiels ergibt.
Rodemund hat sich bei erstklassiger Technik zu einer sensiblen Charakterdarstellerin entwickelt und ist eine der Großen des zeitgenössischen Tanztheaters.
Abendzeitung Nürnberg 11.2.2011

DAS EINZIGE, WAS GILT: DER AUGENBLICK
Regensburg . Vielleicht war es das Thema, das dazu führte, dass bei diesem Abend der Regensburger Tanztage die hinteren Zuschauerreihen im Uni-Theater nahezu ungefüllt blieben. Demenz ist, auch wenn so viele Menschen unmittelbar oder indirekt betroffen sind, tabubehaftet. In keinem Fall scheint das Thema geeignet, einen genussvollen Ballettabend zu füllen. Helena Waldmann trat den Gegenbeweis an. Wer ihre Arbeit kennt, weiß, dass sie nicht schwarz-weiß malt, dass sie sich auch bei gesellschaftskritischen Themen nicht nur auf die bedrückenden Seiten stürzt, sondern ein differenziertes Bild zeichnet. Eines, bei dem der Humor nicht zu kurz kommt.

„revolver besorgen!“ ist ein Stück, das die Verunsicherung durch den Gedächtnis-Verlust zeigt, aber auch die glücklichen Momente des Neu- und Wieder(er)findens der eigenen Identität, des Gefühls, der Dinge – und sei es auch nur für einen Augenblick. Waldmanns Stück kämpft gegen einseitige Sichtweisen an, die dazu führen, Demenzkranke als denkende und entscheidende Menschen abzuschreiben.

Die Berliner Tänzerin Brit Rodemund setzte Waldmanns Choreographie beeindruckend um. Zu Beginn schreitet sie militärisch perfekt, superkontrolliert. Doch der Bewegungsablauf bekommt Sprünge. Ihre Schuhe, die sie auszieht und mit denen sie sich in einen unhörbaren Dialog verstrickt, machen sich selbständig, schlagen nach ihr, führen zu Ausweichbewegungen. Sie macht Galoppsprünge zu Nat King Coles „Unforgettable“, fängt an, sich auf dem Boden liegend, zu befriedigen. Sie erkennt in einer Plastiktüte mal eine Pistole, mit der man sich seinem Schicksal entziehen könnte, oder auch einen Ball. Sie schneidet hinter einer Scheibe Gesichter. Und endet wie ein Baby glücklich lachend in einem weichen Tüten-Berg.

Zu Rodemunds beeindruckendem Tanz gibt es aus dem Off Interview-Splitter: Anschauungsunterricht für einen dementen Mann in Sachen Klitoris und schauerlich pragmatisch klingende Erläuterungen eines Pathologen bei einer Hirn-Sektion. Beiträge zum Thema Demenz, die sich nicht leicht mit dem Getanzten in Übereinstimmung bringen lassen, die eher Fragen aufwerfen. Doch vielleicht ist das der Sinn: Offenheit zu signalisieren für alles und jeden Augenblick. Das Publikum feierte das ebenso packende wie irritierende Stück mit viel Applaus.
Susanne Wiedamann, Mittelbayerische Zeitung 9.11.2010

WER VERGISST, KANN MEHR
Ballerina Brit Rodemund zeigt den Abstieg von der hoch strukturierten Geisteswelt zum improvisierten Individualverstand perfekt: Anfangs marschiert sie zu einer Strauß-Melodie. Dann wechselt sie zu Ballettschritten, gelangt zum Ausdruckstanz und endet schließlich bei Gesichts- und Bodenarbeit. Das Ich wird chaotischer – doch nicht der Demente scheitert am Konventionellen, sondern das Konventionelle ist unpassend für den Dementen, so herum sieht es Waldmann. Daher röchelt Rodemund zu Developés und Arabesken ziemlich ungut, bei Improvisationen hingegen strahlt sie.
Vergessen, das heißt nicht nur Struktur verlieren, das heißt auch ungebremst kreativ sein, nicht an Altem kleben. Diese Hoffnung auf eine ewig junge Geisteswelt versteht Waldmann durchaus zu wecken. Und doch ist das Ganze unheimlich. Bei den Audioeinspielungen einer Gehirnautopsie, oder einer Sexualhelferin bei der Arbeit, ist das Ende der Romantik schnell erreicht. Auch der Schuss, der Anfang und Ende der in „Revolver besorgen“ abgebildeten Krankheit markiert, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Das große Vergessen ist und bleibt ein radikaler Abschied von allem.
Isabel Winklbauer, tanznetz.de 9.11.2010

POSITIVE ASPEKTE DES VERGESSENS
Positive Aspekte des Vergessens
Ein Stück über Demenz beim Münchner Dance-Festival
Von Isabel Winklbauer
Demenz als Chance zu betrachten, das scheint verwegen. Zu groß ist die Angst des Menschen, am Ende des Lebens sich selbst zu verlieren. Die Berliner Choreo- grafin Helena Waldmann indes dringt in ihrem Stück „Revolver besorgen“, am Frei- tag beim Münchner Dance-Festival urauf- geführt, in die Erlebniswelt einer Verges- senden ein und findet dort viel Positives.
Ballerina Brit Rodemund zeigt perfekt den Abstieg von der hochstrukturierten Geisteswelt zum improvisierten Indivi- dualverstand: Anfangs marschiert sie zu ei- ner Strauß-Melodie, wechselt dann zu Bal- lettschritten, gelangt zum Ausdruckstanz und endet bei Gesichts- und Bodenarbeit. Das Ich wird chaotischer – doch nicht der Demente scheitert am Konventionellen, sondern das Konventionelle ist unpassend für den Dementen, so sieht es Waldmann. Daher röchelt Rodemund zu Developés und Arabesken ziemlich ungut, bei Impro- visationen hingegen strahlt sie.
Wer vergisst, kann mehr – Demente er- forschen nicht nur ungeniert ihren Kör- per, sie können auch tiefer in Gedanken wühlen. So entstehen neue Ideen, etwa die eines Revolvers, mit dem sich der feindlichen Welt der Konventionen ent- fliehen ließe. Rodemund formt eine ihrer leeren Plastiktüten – sie stellen Erinnerun- gen dar – zur Waffe; doch letztlich zer- knüllt sie sie. Vergessen, das heißt nicht nur Struktur verlieren, das heißt auch un- gebremst kreativ sein, nicht an Altem kle- ben. Diese Hoffnung auf eine ewig junge Geisteswelt weckt Waldmann durchaus.
Und doch ist das Ganze unheimlich. Bei Audioeinspielungen einer Gehirnautopsie oder einer Sexualhelferin bei der Arbeit ist das Ende der Romantik schnell erreicht. Auch der Schuss, hier Anfang und Ende der Krankheit, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Das große Vergessen ist und bleibt ein radikaler Abschied von allem.
Isabel Winklbauer, Stuttgarter Nachrichten 8.11.2010

WAS IN DER ERINNERUNG BLEIBT
Der erhoffte Höhepunkt des Festivals DANCE 2010 war die Uraufführung Helena Waldmanns "revolver besorgen". So nüchtern und ergreifend zugleich hat man Demenz auf der Bühne noch kaum gesehen. Die grandiose Tänzerin Brit Rodemund wechselt von klassischen Tanzposen mal subtil, mal grotesk und verschreckend in die Demenz-Zustände. Tonband-Einspielungen mit Experten und Betroffenen liefern Wissen. Ein wunderbar starkes Stück.
Gabriella Lorenz, Abendzeitung 6./7.11.2010

ERINNERUNG AN DIE VERGäNGLICHKEIT - MEMENTO DEMENTIAE
Brit Rodemund durchtanzt das immer kleiner werdende Reich des verfallenden Bewusstseins in einer nicht nur tänzerisch, mit großer Spannung und Präzision, sondern auch schauspielerisch beeindruckenden Manier. Ihre konzentrierte Darstellung macht den Abend zu einem harten Memento Dementiae. Es überzeugt, wie hier der Tanz eingesetzt wird: Einmal erzählend, das andere Mal als Kontrastmittel. Wie Brit Rodemund anspruchvollste Figuren tanzt, dazu aber wie ein schwerkranker Mensch um Atem ringt, ja, röchelt: Dieser Widerspruch macht einem die Zumutung des körperlichen Verfalls deutlich. Am Ende hört man Kinderlachen in einer Endlosschleife, so lange, bis diesem Lachen jede Fröhlichkeit verloren gegangen ist. So ist es, wenn der Mensch wunderlich wird – oder nach anderer Lesart: kindisch. Oder stimmt es, dass alte Menschen manchmal in der Erinnerung in frühe Jahre ihrer Kindheit zurückkehren? Brit Rodemund verschwindet unter diesem grausamen Lachen in einem Haufen Plastiktüten, der an die Wölbungen eines Hirns erinnert, gleichzeitig aber auch an Erinnerungsmüll denken lässt. Dann ertönt ein Schuss. Der Abend ist eine Provokation. Allerdings eine nicht annähernd so große, wie die Möglichkeit, dass Körper und Geist einen Menschen so im Stich lassen können.
Jan Stöpel, kulturvollzug.de 6.11.2010

EIN BERG VON NICHTS
Die Ballerina Brit Rodemund demonstriert fußflink in Ballettvariationen, wie das Körpergedächtnis plötzlich aussetzt und damit jede Bewegung sterben lässt. Die Off-Stimme eines Neurologen erläutert bei einer Hirn-Sektion die Symptome von Gehirnschwund und erklärt damit nichts. Die Hand der Ballerina wandert in den Schritt und zeigt, dass das Begehren nicht aufhört, dass aber das Schamgefühl schwindet mit dem Verstand. Waldmann findet wie je kluge und klar konturierte Bilder für das, was sie erzählen will.
Eva-Elisabeth Fischer, Süddeutsche Zeitung 6.11.2010

DIE ABSCHAFFUNG DER WELT
München, 4. November 2010. Ein rechter Demenzregen geht zurzeit über die deutschen Bühnen herab: Theaterstücke, Kabarettprogramme, Performances thematisieren Alzheimer, das Vergessen und den Persönlichkeitsverlust und zollen einem Trend Tribut, der nicht mehr aufzuhalten ist, weil Deutschland immer älter wird. Im Moment leben 1,2 Millionen Betroffene innerhalb dieser Grenzen, jährlich werden es angeblich 250 000 mehr.

So steht es im Programmheft von Helena Waldmanns "revolver besorgen". Das Theater ist ein denkbar geeigneter Ort einer solchen Auseinandersetzung, denn die Bühne ist ein Ort des Erinnerns – vergisst ein Schauspieler seinen Text, fällt er aus seiner Rolle. Das kann lächerlich werden und peinlich und damit wird er einem Dementen ähnlich. Der hat auch keinen passenden Text mehr zur Situation, er weiß nicht mehr, was der Augenblick erfordert, im frühen Stadium leidet er darunter, weil ihm das noch bewusst wird. Später scheint er den Frieden mit sich gefunden zu haben.

Der Zugriff auf die Welt: verloren

"revolver besorgen" zeichnet diesen Weg nach: Die Tänzerin Brit Rodemund marschiert zu zackiger Musik auf einer bis auf einen orangefarbenen Tütenhaufen leeren Bühne auf und ab, hin und wieder rattert der Ton von Maschinengewehrfeuer durch die Musik. Rodemund ahmt ihn nach, leicht verzögert, es geht ihr was verloren: die Erinnerung, der Zugriff auf die Welt von früher, ein Stück Persönlichkeit. Sie zieht sich ihre Schuhe aus, die sie eben zum Stampfen auf den Boden noch benötigt hat und moderiert stumm einen Streit zwischen den beiden, die nun keine Schuhe mehr sind, sondern Gesichter. – Die Wirklichkeit verändert sich, sie behält für den, der sich in ihr bewegen muss, aber ihre Logik.

Auf Worte verzichtet die Aufführung nicht ganz. Sie kommen aus dem Off und stammen großteils aus Interviews und O-Tönen von Patientenbegegnungen für ein Radiofeature, das Helena Waldmann zusammen mit Dramaturgin Dunja Funke produziert hat. Diese Feature-Fetzen amüsieren und irritieren allein schon beim Hören; die darübergelegten Aktionen Rodemunds lassen eine eigenartige Faszination für diesen schwebenden, traumähnlichen Demenzzustand entstehen. Wir hören die Sexualassistentin Nina de Fries einen Mann anleiten, ihre Vagina zu erkunden und sehen dazu Rodemund am Boden mit dem Rücken zum Publikum. Zwischen ihren Beinen streckt sie ihre Hand aus und vollzieht grapschende Bewegungen.

Der Pathologe Frank Heppner ist zu hören, wie er ein Gehirn seziert, in Scheiben schneidet und jeden Schritt detailliert erläutert. Als er beim Großhirn angekommen ist, packt Rodemund ihre Schuhe stellvertretend für die beiden Hirnhälften in Plastiktüten. Dieses Hirn wiege nur 1088 Gramm, ein eindeutiges Zeichen für Hirnschwund.

Der Ego-Zentriertheit entkommen

Das Finale ist hirntechnisch gesehen identisch mit dem Anfang: Man wird wieder zum Kind. Für das Kind ist alles neu auf der Welt, man darf alles zum ersten Mal erfahren, sich daran freuen und darüber lachen. Das Kind kennt keine Sorgen und keine Tragik, es lebt jeden Tag wie den ersten und zugleich den letzten. Jede Beschäftigung mit einer Sache ist absolut, es gibt keinen Zweck mehr, alles geschieht nur für sich selbst – die perfekte Kunst. Nur das Kind und der hochgradig Demente können dorthin gelangen. Zu Kinderlachen vom Band kriecht Rodemund in den Tütenhaufen, der die ganze Zeit auf sie gewartet hat – ihr Hirn, mit dem sie nun ganz eins ist. Die Welt ist ausgeschlossen.

Helena Waldmann hat sich bei den Recherchen für dieses Projekt tief hineinziehen lassen. Und dem Gedanken ans (eigene) Ende die Chance abgerungen, mit dem Verlust der Persönlichkeit der Ego-Zentriertheit unserer Gesellschaft zu entkommen.

Deswegen ist "revolver besorgen" keine Sekunde kitschig oder bitter oder zynisch – in diese Richtung gleiten andere Alzheimer-Geschichten auf der Bühne gern ab. Hier sorgen kraftvolle Bilder und berührendes Wortmaterial für eine schöne Erkenntnis. Schade nur, dass die Uraufführung im Rahmen des alle zwei Jahre abgehaltenen Dance-Festivals stattgefunden hat. Aus Angst, nur ein Spartenprogramm serviert zu bekommen, meiden zu viele die Veranstaltungen des Festivals. Um "revolver besorgen" gut zu finden, muss man allerdings kein Anhänger von Tanztheater sein.
Willibald Spatz, nachtkritik.de 5.11.2010

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