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HELSINKI DANCE COMPANY
YOUMAKEME
GETANZTE GEFüHLE
Auf offener Bühne machen fünf Tänzer der Helsinki Dance Company ihre Warm-ups. Man sieht sie in Trainingsanzügen sich dehnen, schreiten, springen. Es gehört nicht zur Choreographie, und doch gehört es dazu. So wie später auch das sichtbare Umziehen zwischen den Gedanken und Gefühlen, die zu getanzten Bildern werden; so wie das laute Summen der elektrischen Züge, mit denen die Brücken mit der Beleuchtung den Szenen angepasst werden. „YOUMAKEME“...curious.
Das ist die eine Seite der ungeschminkten Realität. Doch nicht nur das beiläufige Wecken von Neugier macht die Sicht auf die Vorbereitung zu einem Teil der Aufführung. Es gibt einen zweiten, wichtigeren Grund, die Ausführenden ohne Kostüme bei den Alltäglichkeiten ihres Berufs beobachten zu können: Sie wollen dem Publikum menschlich nahe sein, die Schwelle zwischen Bühne und Zuschauerraum möglichst niedrig halten, denn in dem, was sie gleich zeigen werden, geht es um Empfindungen, die jeder irgendwann hat, und die darum jeder kennt.
„YOUMAKEME“ – „Du machst mich“, nennt Kenneth Kvarnström seine Choreographie und zählt Möglichkeiten auf: „a better person/ happy/ a monster“. Unsere Mitmenschen machen uns zu etwas, weil wir uns zum Teil über ihre Reaktion definieren. Wir verändern uns, um bestimmte Reaktionen zu erhalten, um uns gut oder glücklich zu fühlen. Wer versucht, das im Tanz darzustellen, hat sich viel vorgenommen. Kvarnström und die Helsinki Dance Company wählen dafür neben einem großen Repertoire tänzerischer Ausdrucksformen– Musik und Stille, still beredete Kostüme, Licht und Dunkelheit. Stets trennt einklarer Abschluss die eine Szene von der nächsten.
Ganz in hautenge, blaue Anzüge gehüllt, die auch die Gesichter uniform machen, beginnen die Tänzer, sich zu bewegen. Dunkles Wummern bildet die Geräuschkulisse, vor der die Figuren, die Zylinder und merkwürdige, stachelige Hosen tragen, sich bewegen. Gleichförmig und gegenläufig, fließend und stockend, bis schließlich im bewegten Bild aus zwei Personen eine einzige wird. Mag sein, dass aus der Reaktion des einen das erneuerte Ich des anderen geworden ist.
Wünsche werden geweckt
Musik verändert. „Feeling good“ ist der eine Titel, der gleichsam durchmeditiert wird. „This song makes you...“, kann man an den Titel der Choreographie anknüpfen, denn der Song ist etliche Male gecovert– und damit in der Wirkung verändert–worden, diente in der Version der Band „Muse“ sogar der „Nescafé“- Werbung. Ein Text (und noch mehr die Musik, der er unterlegt ist) bewirkt also etwas, erzeugt Gefühle, weckt Wünsche. „Wie oft können wir denselben Song hören“, fragt Kvarnström, „ohne unkonzentriert oder schlicht gelangweilt zu werden?“ This song makes me feeling good: Mit schwarzen Langhaarperücken und schwarzen Kleidern bewegen die fünf Tänzer sich heiter zur Musik, werden übermütig, grölen den Song etwas roh. Eine Sirene beendet das Feeling-good-Treiben. Janne Marja-Aho, der bärtige Tänzer, löst sich aus der Gruppe, singt die Melodie im Falsett; das ist irritierend und erzeugt Lachen. Der Tanz geht weiter; die heitere Stimmung kippt zwischendurch, schlägt um in Verachtung, doch der Verachtete selber reagiert mit Witz. „ Freedom is mine.“ Aktion und Reaktion, Ursache und Wirkung sind miteinanderverwoben; „You know what I feel.“ Weißt Du`s wirklich?
Tanz ohne Musik
Szenen, die ohne Musik und ohne Geräuschkulisse getanzt werden, in schlichter Trainingskleidung, wirken besonders intensiv. Man hört die Geräusche der Schritte, nimmt die Bewegungen deutlicher wahr, ist konzentriert auf das Gleichmaß und die Eleganz der Gebärden. Viel intensiver wirken hier die klassischen Ballettfiguren, die in der Szene zu sehen sind. Archaischer scheit alles und unmittelbarer. „Gloomy Sunday“, das „ungarische Selbstmörderlied“, ist die zweite Melodie, deren Wirkung zunächst in einem Prolog aus dem Off zu analysieren versucht wird: die Melodie, deren stets wiederholtes Motiv „Fragen stellt, die nicht beantwortet werden“. Auch die Umsetzung gibt Rätsel auf. In Mänteln und Federn wird sie getanzt. Elegant, düster, unglaublich anziehend. Stirbt hier ein Mensch? Ist es ein Leichenzug, als schließlich – Goths ähnlich kostümiert – vier Personen mit schwarzen Zylindern über die Bühne marschieren? Aus ihren Reihen heraus erhebt sich eine Figur, vollkommen verhüllt in einen dunkelblauen, glitzernden Ganzkörperanzug, die im spärlichen Licht himmelwärts strebend und unglaublich schön und lebendig tanzt. Ein verklärter Leib. Ein Auferstandener? Kvarnström lässt das ausdrücklich offen: Es kann auch der Lichtblick sein, der in dunklen Momenten erscheint, wenn alles ringsum düster ist. So würde der blau funkelnde Gesichtslose ganz schlicht die Transformation der Figuren der Eingangsszenen darstellen, die für einen Moment ihr Glück gefunden haben: „ YOUMAKEME“...happy.
Christian Dijkstal, Saale Zeitung 10.1.2012
FRATZEN UND POESIE ZUGLEICH
Zwei variable Scheinwerferleisten verwandeln die Bühne auf Knopfdruck in neue Räume. Das Ensemble nimmt das Publikum mit. Es zieht sich auf der Bühne um, gestattet sich Trinkpausen, schafft so Nähe zum Publikum. Ein berührend sinnlicher Pas-de-deux im unklassischen Gewand zwischen zwei Männern wird geboten.Dann tanzt ein Trio spielend mit seinen Schatten. Jetzt erinnert das schwarz weiße Bühnenlicht und die Computermusik an Fritz Langs Metropolis. Beim Impulstanz ohne Musik ist der Atem der drei Tänzer pure Klangmalerei.
Der finale Monstertanz beklemmt und ist pure Poesie zugleich. Ein Gollum ähnliches Wesen reagiert auf vier fratzenartige, unheil verbreitende Wesen. Donnernder, anerkennender Applaus vom Publikum für eine anarchistische, mystische und bilderreiche Ballettstunde.
Angelika Silberbach, Main Post 9.1.2012
KRAFTVOLLE POESIE
Die Jubiläumsausgabe der Tanztage wird dem Publikum lange im Gedächtnis bleiben. Dafür sorgten auch die finnischen Tänzer der „Helsinki Dance Company“, die das Publikum mit einer neuen Arbeit von Kenneth Kvarnström unter dem Titel „Youmakeme“ an den letzten zwei Festivaltagen im Kleinen Haus des Staatstheaters verzauberten. Die fünf Tänzer sind ebenso talentiert wie charismatisch. (…) Kenneth Kvarnström beherrschte mit seien energetischen, hoch ästhetischen Choreografien mehr als ein Jahrzehnt die nordische Tanzszene. Mit „Youmakeme“ macht er diesem Ruf alle Ehre. Was das Publikum mi den drei Folgen“A better person“, „Happy“ und „A monster“ erlebt, ist vor allem eines: brillanter Tanz. Kraftvoll, poetisch, mit hohem Bewegungsgrad.
Viel schwarzen Humor gibt es in der Sequenz „Happy“. Herrlich skurril zeigen sie verschiedene Varianten von Nina Simones „Feeling Good“, singen und performen gar selber, mal klassisch, mal dramatisch, immer echt. In der Folge entstehen wunderbare Sequenzen, die von Wiederholungen leben und stets mehr Dynamik entfachen. Schlussendlich begegnet einem die Compagnie mit schwarz umrandeten Augen, in glänzenden Federkostümen. Von Todessehnsucht hallt es aus der Musikcollage, während die Tänzer das Publikum in eine andere, mystisch-magische Welt entführen. Ein Dunkel voller Schönheit - tosender Applaus.
Corinna Laubach, Kreiszeitung Syke 18.4.2011
GEDANKENSPIELE
Der finnische Choreograf Kenneth Kvarnström ist ein brillanter Erfinder, die Fülle seiner Figuren, von der Helsinki Dance Company virtuos umgesetzt, ist unerschöpflich. Kvarnström kann es sich leisten, über Darbietungsformen souverän zu verfügen. Seine jüngste Arbeit „YouMakeMe - du machst mich“, eine deutsche Erstaufführung, kennt keine Stelle des Leerlaufs und spielt sich auf vielerlei Ebenen ab: der synchronen oder komplex verschränkten Bewegung, der Pantomime, des Happenings und des Maskenspiels, der Groteske und nicht zuletzt des Humors.
Das Thema „Du machst mich: Zu einem besseren Menschen, glücklich, zum Monster“ ist von nicht geringem Format. Es lieferte Stoff für ein spannungsreich aufgeladenes emotionales Beziehungsspiel – auch zwischen Individuum und der Gruppe – für allerhand Reflexionen und das Motiv der „Verwandlung“, das hier facettenreich aufscheint.
Ein tänzerisches Gedankenspiel – die sitzende Maria der Pietà wandelt sich zur liegend Gekreuzigten (mit nunmehr stehendem Jesus) – erreicht fast Hofmannsthalsches Format: „Mit dem Sich-wandeln das Verwandeln eines Anderen“.
Für den erheiternden und „musikalischen“ Teil des Abends mit kabarettistischem Einschlag, sorgte der Einfall, Cover-Versionen verschiedener Songs zu thematisieren.
Zu der Anstrengung des Betrachters, vom Tanz Gemeintes und Kommuniziertes, oft zur Parabel Verdichtetes richtig zu deuten, war das die willkommene Abwechslung. Das Ensemble wurde begeistert gefeiert.
Werner Matthes und Oliver Bloch, Nordwest Zeitung 18.4.2011
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