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LA LA LA HUMAN STEPS
NEW WORK
AUF DER JAGT NACH DEM LICHT
Die kanadische Tanzcompangnie „La La La Human Steps“ führte in der Jahrhunderthalle Frankfurt-Höchst Èdouard Locks „New Work“ auf. Dem Publikum, das im Rahmen der „Tanzoffensive“ erneut vom Auftritt einer Compangnie von Weltrang verwöhnt wurde, bot sich mit dem kürzlich uraufgeführten Stück die Gelegenheit, seine Eindrücke mit denen von Locks Arbeit „Amjad“ zu vergleichen, die „La La La“ 2007 nach Höchst brachte.
Wie damals ließ Komponist Gavin Bryars seine Musik, die diesmal Purcell-
und Gluck-Opern aufgriff, von einem Quartett auf der Bühne darbieten: Piano, Viola, Cello und Saxofon. Locks Handschrift verrieten auch die öfter in die Szene sinkenden Videos, die Ansichten dreier Frauen zeigten: eine Allegorie des dreiköpfigen Höllenhundes Zerberus, inspiriert von Glucks „ Orpheus und Eurydike“. Die Leibchen der Tänzerinnen und die Anzüge der Tänzer stammten wieder von Liz Vandal.
Kontinuität bezeugten vor allem aber Locks Lichtregie und seine Choreografie, von den elf Tänzerinnen und Tänzern auf hohem Niveau umgesetzt. Lock ließ sie in wieselflink variierenden Kombinationen permanent durch rasend aufblitzende und sogleich verlagerte Lichtspots tanzen oder schweben, ja ihnen nachjagen, als wolle er an den von Leidenschaft Ergriffenen, den Schatten der Unterwelt totale Verunsicherung über ihren Ort und ihre Individualität demonstrieren. Viel Spitzentanz, aber postmodern aus alter Harmonie gerissen, um die wie Chaplin in die Choreografie-Maschine gefallenen Tänzer mit immensem Design-Chic rasend zu beschleunigen.
Diese Soli wie im Irrgarten, diese in „falsche“ Geschwindigkeiten gezogenen Pas-de-deux leidenschaflicher Frauen am Arm kalt wirkender Männer muteten mal wie manisch selbstreflexives Ballett über Ballett, mal wie hypermodernes Tanztheater an. Immer aber wie klassisches Ballett, das bis zuletzt, bis in die kollektive Verbeugung im Schlussakt, rigoros in die Moderne transportiert wird.
Frankfurter Neue Presse, 28.1.2011
LIEBE UND ENDLICHKEIT
Der Kanadier Èdouard Lock ist mit seiner Compangnie „La La La Human Steps“ Mitte der Achtziger Jahre durch spektakuläre Choreografien berühmt geworden, deren Kennzeichen eine artistisch kraftstrotzende Bewegungssprache gewesen ist. Das aufsehenerregende Plakat zu dem auf das Jahr 1985 zurückgehenden Stück „Human Sex“ zeigte die Tänzerin Louise Lecavalier, Locks langjährigen Star und seine Muse, in der Waagerechten eines regelrechten Flugs durch den Raum.
Locks neueste, schlicht „New Work“ genannte Arbeit, die wenige Wochen nach der Premiere in Amsterdam nun in Zuge der vom Frankfurter Mousonturm initiierten Tanzoffensive in der Höchster Jahrhunderthalle zu sehen gewesen ist, mutet für Locks Verhältnisse in der Dramaturgie sehr ruhig an, keineswegs aber zahm. Der 56-jährige hat sich in der Antike gründenden Liebensgeschichten der beiden Barockopern „Dido und Aeneas“ von Henry Purcell und „Orpheus und Eurydike“ zum Ausgangspunkt genommmen. Die Musik des englischen Komponisten Gavin Bryars grift den Barockstil der Vorlagen auf und überführt ihn in einen musikalischen Minimalismus. Wie die Musik ist auch der Tanz von steten Wiederholungen bei einem fortwährenden Wechsel der Zusammenhänge geprägt.
Die Bühne bleibt den ganzen Abend über dunkel. Im Hintergrund sind die in ein goldenes Licht getauchten Musiker zu sehen, ein Quartett aus Klavier, Saxofonen, Bratsche und Violoncello. Scheinwerfer schneiden von oben herab Lichtkegel in die Dunkelheit. Die Körper und die Gesichter der jeweils fünf Tänzerinnen und Tänzer bleiben verschattet; Wechsel der Lichtkegel schaffen blitzgeschwinde Brüche. Für das Auge scheint das Licht die Körper mitunter in Sekundenschnelle in ihrer Position auf der Bühne zu verschieben.
Schnell und abgehakt, mitunter gar zeitraffergleich wirken auch die Bewegungen selbst. Es wird, seitdem Èdouard Lock mit seinem Stück „Salt“ von 1999 den Formenfundus des klassisch-romantischen Balletts für sich entdeckt und für seine moderne Tanzsprache nutzbar gemacht hat, auf Spitze getanzt. Die Frauen tragen schwarze Bustiers, die Männer Anzüge. In einer Figur, die immer wiederkehrt, dreht sich eine Tänzerin spindelförmig um die eigene Achse, in der sie gleichsam von den Händen einer Kollegin gehalten wird. Immer wieder sind es Pas de deux, die sich aus den sich meist in Kleingruppen abspielenden Szenen herauslösen. Was sich hier abspielt, scheint dem von dem französischen Philospohen Paul Virilio beschriebenen Zustand des „rasenden Stilstands“ zu entsprechen. Auch die Liebe bleibt vom ewigen Fortgang der Dinge nicht verschont.
Den Aspekt der Vergänglichkeit greift auch eine auf zwei mehrfach Tanz und Musik unterbrechend herabgelassene tafelbildartige Flächen projiezierte Videoarbeit auf. Eine Frau mittleren Alters, später eine sehr junge, ist parallel zu einer alten zu sehen, unter den verknacksten Klängen eine alte Orchesteraufnahmen verwendenden Klangcollage von Blake Hargreaves. Eines derart plakativen Verweises hätte es nicht bedurft. Abgesehen davon handelt es sich um ein Tanzstück von bemerkenswerter Strenge und Klarheit, in seiner Reduktion auf de Körper dem Ballett näher als dem Tanztheater.
Lock vermag es noch immer, außergewöhnliche Arbeiten auf der Höhe der Zeit hervorzubringen.
Stefan Michalzik, Offenbach-Post 28.1.2011
DREIßIG JAHRE "LA LA LA HUMAN STEPS"
Kanadas Antwort auf das britische Unartigwerden des Tanzes, heißt Édouard Lock aus Montreal. Geboren 1954, in den späten achtziger Jahren in Shows Seite an Seite mit David Bowie und Frank Zappa, entriss er die Sache des klassischen Tanzes den Händen zarter ätherischer Wesen und ihrer moralisch mehr oder weniger einwandfreien Beischläfer. Locks Tänzerinnen wirbelten mit Armen und Beinen umher, dass man darüber nachzudenken begann, ob für diese Art Choreographien nicht schwarze Gürtel eingeführt werden müssen.
Louise Lecavalier. Locks Muse bei „La La La Human Steps“, wie die tüchtige Kampftanzgruppe enigmatisch bis heute heißt, flog in den neunzige Jahren wie ein Geschoss über die geheimnisvoll dunkle Bühne. Sie und ihre muskulösen Kolleginnen nutzen die Technik des Spitzentanzes, um rasendes Tempo in die Drehungen zu bringen, ganz abgesehen von der Aggressivität und dem Selbstbewußtsein, das sie ausstrahlten. Èdouard Locks Tänzerinnen sahen immer sexy und stark aus. Wie sehr diese Beschleunigung, diese Vergefährlichung des klassischen Tanzes das Publikum bis heute fasziniert, zeigt das große Interesse, welches Locks Come back in diesem Jahr entgegenschlägt.
(…) Der Spitzenschuh knallt, das gestreckte Bein harpuniert durch die Luft, die Hände trommeln gegen den Partner. Es wird gefeuert, getauscht, vergessen. Männer müssen hier vor allem Frauen fest um die Taillle packen und drehen können und dann abgeben ohne zu klagen. Lock stellt da doch eine dreißigjährige Freundschaft des Publikums in neunzig langen Minuten arg auf die Probe.
Wiebke Huster, Frankfurter Allgemeine Zeitung 28.1.2011
KREISEL AUF SPITZENSCHUHEN
Es gibt eine Frauenband, die sich „Chicks on Speed“ nennt. An sie und weniger an Schwarze Schwäne war zu denken beim Abend in Frankfurts Jahrhunderthalle mit der kanadischen Company La La La Human Steps: Choreograf Édouard Lock hat sein schlicht „New Work“ betiteltes Stück zwar sichtlich seinen Hochleistungsballerinen gewidmet, aber diese treibt er nun in ein anderthalbstündiges Dauergezappel, wie Bild man es noch nicht gesehen hat.
Vor der Uraufführung am 5. Januar in Amsterdam war zu lesen, der Frankokanadier Lock habe sich von den „gewaltigen Emotionen“ zweier Barockopern inspirieren lassen, Purcells „Dido und Aeneas“ und Glucks „Orpheus und Eurydike“. Zwar spielen die vier Musiker auf der Bühne auch mal stark barock Angehauchtes von Gavin Bryars oder Blake Hargreaves,
doch die Emotionen müssen irgendwo im Entstehungsprozess dieser Choreografie weitgehend verloren gegangen sein.
Vom ersten Moment an arbeiten sich die Tänzerinnen auf Spitze an einer furiosen, aber seltsam kalten, roboterhaften Choreografie ab. Die spärliche, schlaglichtartige Beleuchtung (Lock) nimmt ihnen zusätzlich ihre Individualität, und es nützt nichts, dass immer wieder mal zwei Leinwände runter fahren, auf denen dann zwei verschiedene junge und eine ältere Frau (die genauso gut eine der jungen in Maske sein kann) zu sehen sind, von nah, in schlichten weißen Männerhemden, ruhig sitzend und ins Publikum blickend. Diese Zwischenvideos (ebenfalls von Lock) stehen unverbunden neben dem Tanz und
auch ihr Zweck oder ihr Thema sind rätselhaft.
Früher waren waghalsige Sprünge das Markenzeichen der Lock’schen Choreografien, jetzt wird vor allem gedreht, gedreht, gedreht. Oft fassen die Männer die Frauen an der Taille und lassen sie zuerst zur einen, dann zur anderen Seite kreiseln.
Und wieder. Und wieder. Aber auch die Arme werden hochgeworfen, als versuchten die Tänzerinnen tatsächlich abzuheben. Und die Beine fliegen oder die Spitzenschuh bewehrten Füße trappeln sowieso unermüdlich. Bis sich die Tänzerinnen und Tänzer, oft in Dreiergruppen, auf den Boden werfen und die lässig lümmelnde Position des rechten Mannes auf Édouard Manets Gemälde „Das Frühstück im Grünen“ einnehmen. Für Sekunden meist nur, denn diese Choreografie darf aus irgendeinem Grund, den nur Édouard Lock kennt, nicht zur Ruhe kommen.
Es ist, als versuche hier ein Meister tänzerischer Geschwindigkeit, sich selbst zu übertreffen. Édouard Lock schickte seine Tänzer – und besonders Tänzerinnen – schon immer gern in einen Bewegungsrausch. Er hatte aber ein Gefühl dafür,
dass die Artistik nur beeindrucken kann, wenn das Auge sich zwischendurch erholen, das Herz sich nähren darf.
Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau 28.1.2011
DAS TANZT SICH WEG
Wenn im letzten Drittel zwei Ballerinen einfach ruhig auf de Spitze verharren, fragt man sich, was mit dem Stück passiert wäre, hielt Lock ab uns zu inne. Aber dann käme vielleicht Gefühle hoch, die er jetzt im Dauerspurt wegtanzen lässt.
Eva-Elisabeth Fischer, Süddeutsche Zeitung 24.1. 2011
DER KöRPER ALS INSTRUMENT
Die neue Arbeit von LaLaLa Human Steps macht zur Premiere in Hellerau die Zuschauer schwindelig. – Ein Wesen ist auf der Flucht. Im scharf konturierten Lichtkegel verharrt es auf allen Vieren, bereit zum Sprung. Ein gehetztes Tier, dargestellt von einer Tänzerin, die nur aus Knochen, Sehnen und Muskeln zu bestehen scheint. Der Körper in höchster Spannung, bevor er zum Sprung ansetzt.
So beginnt die neue Arbeit des kanadischen Choreografen Èdouard Lock, die er am Freitagabend in Hellerau vorstellte. Die Deutschlandpremiere seiner international anerkannten Company La La La Human Steps kommt zum prominenten Zeitpunkt: Vor ziehmlich genau 100 Jahren eröffnete das Festspielhaus mit „Orpheus und Euridike“. Auch Lock arbeitet mit diesem Stoff. Die Gluck-Oper bildet zusammen mit Henry Purcells „Dido und Aeneas“ das Grundmaterial für ein infernalisches Tanzstück.
Èdouard Lock ist Meister des Hochgeschwindigkeitstanzes. Frauen in schwarzen, korsettartigen Anzügen, Männer in schlichter Hose oder im Anzug vollführen messerscharfe, Schwindel erregende Bewegungsabläufe. Es ist ein infernalisches Flattern und Zappeln, Trippeln und Schleudern der Glieder. Unverkennbare Grundlage ist das Ballett, die Spitzenschuhe der Tänzerinnen treiben die Idealisierung des weiblichen Körpers wortwörtlich auf die Spitze und nicht selten nah an die Perversion. Ballett fordert hochartifizielle Manipulation des Körpers, eine Verneinung des Natürlichen. Lock steigert das ins Extrem, ebenso wie das Geschlechterverhältnis des klassischen Balletts: Die Männer sind zumeist die Statisten für die Bewegungen der Frauen. Die Ballerina als Objekt der Faszination, beinah Dekoration.
Zwischen Kontrolle und Lust
Annäherung und Entfernung prägen den anderthalbstündigen Abend. Aeneas, der fort von seiner Geliebten Dido gelockt wird, Orpheus der Euridike nicht ansehen darf, um sie zu retten und der schließlich aus Mitleid versagt. Die Liebesgeschichten auf der karg beleuchteten Bühne werden von Misstrauen und Angst begleitet. Verzweifelte „Highspeed-Pas de Deux“ treiben die fantastischen Tänzer zueinander hin, voneinander fort. Immer wieder blitzen archaische Bewegungen auf, von Lust getriebene Zuckungen. Die Spannung zwischen dem hochstilisierten, kontrollierten Körper und dem animalischen, lustvollen Leib wird untermalt von Cembalo, Viola, Cello und Saxophon eines Quartetts. Werden die barocken Klänge durchbrochen wirkt das Stück schärfer.
In der Dunkelheit lassen sich kaum Gesichter erkennen. Dem Zuschauer bleibt, stumm staunend der gigantischen Körperschau zuzuschauen. Erst am Ende fällt Licht in den gesamten Bühnenraum, stellen sich die Tänzer eines beeindruckenden Abends dem Licht und dem begeisterten Applaus.
Johanna Lemke, Sächsische Zeitung 24.1.2011
GETRIEBENE IN LICHTKREISEN
Dieter Jaenicke, Künstlerischer Leiter von Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste, lässt bei der Begrüßung der Gäste und Ankündigung des Gastspiels deutlich erahnen, wie glücklich ihn dieses macht. Und schließlich ist es ja auch keine alltägliche Geschichte, ausgerechnet die kanadische Kompanie LaLaLa Human Steps ins Festspielhaus zu bringen, dazu noch mit einer Deutschlandpremiere. Reichlich zwei Wochen nach der Uraufführung in Amsterdam stellten sich die weltweit gefragten Künstler mit dem nach wie vor unbenannten neuen Stück von Édouard Lock in Hellerau vor – und alle drei Vorstellungen waren restlos ausverkauft.
Die Zuschauer sind mit großen Erwartungen gekommen; manche kennen LaLaLa Human Steps längst von früheren Auftritten in Deutschland, vielleicht auch vom Gastspiel in Dresden. Und sie haben sich von Videos und skurillen Fotografien gern verlocken lassen. Da erwartet sich doch jedermann ein Fest. Wie eben auch Dieter Jaenicke, der mit der Kompanie bereits vor vielen Jahren zusammenarbeitete.
Hat sich die Hoffnung nun erfüllt? Darauf gibt es gewiss sehr unterschiedliche Antworten. Doch bereut hat es sicher keiner, dass er dabei gewesen ist. Und bei all dem Für und Wider bleibt das unmittelbare, ungewöhnliche Erleben der besonderen Kompanie – und waren da tatsächlich nur zwei Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne? Nachdrücklich eingeprägt hat sich ebenso, dass es ein Abend mit (wenn auch elektronisch verstärkter) Live-Musik ist. Wer im Vorfeld gelesen und von Jaenicke vernommen hat, dass sich die im 30. Jahr des Bestehens von LaLaLa Human Steps entstandene Arbeit auf die baroken Opern „Dido und Aeneas“ von Henry Purell sowie „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck bezieht, wird wohl nicht gänzlich vergebens, aber doch reichlich irritiert versucht haben, Bekanntes und oft Gehörtes herauszufinden. Und selbst bei den nicht zu verkennenden Furien, die im Festspielhaus schon bald hundert Jahre herumgeistern, bleiben zarte Zweifel.
Was nicht verwunderlich ist und auch von der musikalischen Besetzung vom Original reichlich abweicht. Lock hat zum Beispiel erneut den Komponisten Gavin Bryars gebeten, aus „Teile“, Fragmenten der ihn berührende Werke etwas Eigenes zu machen, und dieser wusste sich vorzüglich daran zu halten. In gewisser Weise sucht wohl der Choreograf , der zugleich auch für Lichtdesign und Film verantwortlich zeichnet, nicht zwingend nach einer Symbiose von Tanz und Musik, und so bringen die schrägen Klänge von Bryars, wie wir sie beispielsweise auch von Forsythe-Produktionen kennen, deutlich etwas Abwechslung in die überdreht-dynamische Monotonie der Aufführung.
In der Inszenierung sind die Musiker sichtbar im Hintergrund der schwarz ausgehangenen Bühne platziert, unmittelbar davor lässt Lock die Tänzer wie Getriebene in wechselnden Formationen von Lichtkreisen agieren. Dass es bei ihm um eine emotional aufgeladene Tanzsprache gehen würde, hat nach bisherigen Erfahrungen sicher keiner erwartet. Und es bringt auch nicht viel, die bekannten Geschehnisse der beiden Opernwerke quasi aus der Arbeit herausfiltern zu wollen. Was ja nicht zwingend notwendig ist. Auch Lock nimmt sich die Freiheit, daraus sein Eigenes zu machen, aber das hätte durchaus etwas spannender fürs Publikum sein können. Zumal das Nachdenken darüber, warum Männer so unglaublich daran arbeiten, dass Frauen immer „funktionaler“ werden, irgendwie verzichtbar ist.
Andererseits hat die Aufführung – besonders dann, wenn man sie ein weiteres Mal und damit offenbar intensiver erlebt – keinesfalls nur für Freunde des Klassischen Balletts ihren Reiz. Lock ist trotz der Eigenart seiner Bühnenästhetik kein Anbeter des Perfekten, jagt nicht ausschließlich extremen Beschleunigungen hinterher. Aber es gelingt ihm im konkreten Falle auch nicht, und da helfen die eingeblendeten, bewegten Frauen-“Bildnisse“ ebenso wenig weiter, aus diesem Stück ein Ganzes zu formen, die Arbeit so aufzubauen, dass sich eine schlüssige Dramaturgie erkennen lässt, jeder Lichtwechsel auch Sinn macht. Aber vielleicht schult gerade das den Blick für Details und Veränderungen, für Variationen in der Wiederholung, Nuancierungen im jeweils persönlichen Akzent. Wenn beispielsweise Talia Evtushenko emporgehalten, gehetzt „ins Leere läuft“. Die Tänzer im Trio oder Duett plötzlich innehalten, einander wahrnehmen, die Pose offenbar, die Manipulation bewusst wird. Und es gibt seltene sinnliche Momente immer dann, wenn die beiden wachsamen Frauen genussvoll-lasziv von Spitze zu Spitze hin und her wippen.
Gabriele Gorgas, Dresdner Neueste Nachrichten 24.1. 2011
FLITZSTöCKELNDES FAST FORWARD - ÉDOUARD LOCKS »NEW WORK«
Der Filmtrailer täuscht: In dem am Freitagabend deutschlandweit erstaufgeführten "New Work" des Choreographen Édouard Lock kommen nur wenige Bewegungen vor, die mit den Augen vollständig nachvollziehbar sind. Wer also morgen, zur letzten Hellerauer Aufführung, auf den Hügel fährt, dem passiert vermutlich folgendes: Betreten des Hauses (Drängeln, ausverkauft). Sitzplatzkämpfe. Eine - naja, mittelmäßig einfallsreich arrangierte Ouvertüre (Musik: Gavon Bryars, auf der Basis der Opern "Dido and Aeneas" von Henry Purcell und "Orpheus und Euridike" von Christoph Willibald Gluck, vermixt mit minimalistischen Repetitiönchen) erklingt. Dann Einatmen. Fast Forward. Ausatmen. Begeisterter Jubel. Verschämt Blumen reichende Hellerauer Praktikantinnen zwingen den Herzschlag wieder in die Normalzeit. Wie betäubt den Saal verlassen...
Was in den anderthalb Stunden dazwischen auf der düster-leeren, nur durch Lichtkegel partitionierten Bühne passiert ist, lässt sich kaum adäquat in normaler Sprechgeschwindigkeit wiedergeben - es ist ein Destillat des rasanten Lock'schen Bewegungsrepertoires aus den letzten dreißig Jahren. Wie in einigen Vorgängerproduktionen der Kompanie »La La La Human Steps« flitzstöckeln Frauen in schwarzen, hautengen Bodies auf Spitze, Männer huschen und verhalten in Business-Anzügen und Halbschuhen. Letztere sind oft aufs choreographische Stichwortgeben, aufs Heben, Warten, Starren, Liegen reduziert: sie drehen die Pirouetten ihrer Partnerinnen an, stoppen sie, geben ihnen koordinierende Schläge auf Ober- oder Unterschenkel. Auch das Anlecken der Handflächen, das in den Achtzigern vielleicht noch für ein kleines Ballett-Skandälchen gut war, findet wieder Verwendung, so dass insgesamt kaum von einem wirklich "neuen Werk" gesprochen werden kann.
Die Protagonistin des Abends ist - nein, nicht die russische Primaballerina Diana Vishneva, die vor zwei Wochen zur Premiere des Werks in Amsterdam bejubelt wurde - sondern eine sanfte Mi Deng in der Rolle des jugendlichen Königskinds. Irgendwie hat Lock auch die Rolle einer Antagonistin vorgesehen, obwohl der Orpheus-Stoff selbige nicht hergibt. Egal, den schwarzen Schwan des Abends tanzt - zum Fürchten gut! - ein androgynes Haut-und-Knochen-Wesen, eine Harpye: Talia Evtushenko, die schlangengiftige Zauberin. So wahnwitzig fließend wie sie hat allemal Zofia Tujaka ihre Bewegungen im Griff; Tujaka reichen ein Spot am Rand der Bühne und ihr verführerisches Hüftkreisen, um den Blick von der zentralen Haupt- auf die Rahmenhandlung zu ziehen.
Kurze Verschnaufpausen für die Augen bieten szenentrennende, göttlich-jenseitige Videozuspiele auf rasch heruntergelassenen Leinwänden; perfekt ausgeleuchtet, blickt da eine junge Frau in ihre Zukunft, schaut ihren dort und dann vergreisten Körper an, nimmt Kontakt zu ihm auf... Was allerdings die roten Feuerkreise dort zu suchen haben, die die Seance zwei Mal sprengen, bleibt das Geheimnis des Choreografen. Nicht ganz ersichtlich ist auch, warum der Zauber späterer Zuspiele durch Tanzpassagen abgelenkt wird.
Kaum befriedigen kann an diesem Abend die Philosophie des Verschmelzens akustischer und optischer Sinneseindrücke. Der vorklassischen Nummerndramaturgie verpflichtet scheinen die streng abgeteilten Tanzstücke, auch die Opernarien werden klar gegliedert aufgereiht; nur, dass die Koordination von Auge und Ohr an den jeweiligen Schnittstellen ins Klappern gerät. Zwei Tänze bleiben tonlos - weshalb, erschließt sich nicht. Nicht ganz zu Ende gedacht erscheint da Locks Konzept, zumal man aus einem Interview erfährt, dass die Proben ohne Musik stattfanden, die Tänzer die Zuspiele teilweise erst zwei Tage vor der Premiere hören durften. Klar, die außergewöhnlichen Ausdrucksformen von La la la Human Steps erfordern spezielle Probenformen, bei denen Abläufe immer rascher und rascher eingeübt werden, bis sie vollautomatisiert abgerufen werden können. Dann wäre jedoch die Wahl eines kontinuierlicheren Klangraums die logische Konsequenz gewesen, zumal die antiken Opernstoffe vollständig von den Antagonismen Jung-Alt, Mann-Frau überlagert werden. Interessant wär's, den Altmeister dahingehend zu befragen. Am Sonntag ist nach der Vorstellung Gelegenheit.
Dr. Martin Morgenstern, Musik in Dresden 22. Januar 2011
KALT UND MIT EXTREMER PRäZISION
Seit mehr als 25 Jahren unter der Leitung des Choreografen Edouard Lock, hat "La La La Human Steps" einen soliden Ruf als virtuose Tanztruppe. Mit ihrer neuen Produktion - "New Work" - sind die Kanadier jetzt auf Deutschlandtournee.
Auf der dunkel verschatteten Bühne bewegt sich ein merkwürdiges Wesen; grazil und beweglich wie eine Ballerina, drahtig wie eine Sportlerin, entmenschlicht wie ein Automat. In ihrem Habitus sind noch Reste klassischen Tanzes zu erkennen, hoch geworfene Beine, korrekt durch die Positionen geführte Arme. Doch schwingt in jeder Bewegung noch etwas anderes, animalisches mit: Geht sie auf alle Viere zu Boden und windet sich, denkt man an ein gequältes Tier oder einen boshaften Gnom. Natürlich könnte sie auch Euridike sein, die in der Unterwelt auf Orpheus wartet und auf Erlösung hofft. Aber letztlich ist das programmatische Referenzsystem, auf das Choreograf Édouard Lock anspielt, beliebig. Denn viel eher als um Gefühle, Figuren und Themen geht es in seiner 'Neuen Arbeit' um die Kunst des klassischen Tanzes an sich, beziehungsweise um deren Zersetzung.
Technisch sind die Tänzerinnen und Tänzer der Companie Lalala Human Steps nach wie vor brillant, die Geschwindigkeit, mit der sie das Bewegungsvokabular exerzieren, ist atemberaubend - mitunter hat man das Gefühl, einer sportlichen Veranstaltung beizuwohnen: höher, schneller, weiter ist die Devise. Doch gleichzeitig treibt Édouard Lock seine Kunst mit jeder neuen Produktion immer stärker ins Manieristische. Das 'Neue Werk' ist ein weiterer Höhepunkt in der aggressiven Überdrehung der eigenen Ästhetik.
Tänzern und vor allem Tänzerinnen haftet etwas Maschinenhaftes an, kalt und mit extremer Präzision führen sie endlos wiederholte Sequenzen aus, in denen lange Beine aus den Körpern geschleudert werden, Arme auf und ab flattern, Hände wie Schmetterlingsflügel schlagen und Spitzenschuhe auf den Boden knallen, als wollten sie einen hilflos Darniederliegenden erdolchen. Aber in alles mischen sich, subtil und nicht immer klar an Konkretem festzumachen, kleine Störungen, Verzerrungen. Die durchtrainierten Körper der Ballerinen mit ihren ausgeprägten Muskeln (in einigen Fällen muss man sagen: Muskelbergen) wirken übersteigert, bisweilen grotesk, die Gesichter sind erstarrt, auch verhärmt. Ganz bewusst wendet Édouard Lock das Bild der überirdischen, übermenschlichen Ballerina, der jede Schönheit ohne Anstrengung gelingt, ins Überzüchtete, Überdrehte, auch Überkontrollierte. Die extreme Anspannung lässt keine Weichheit oder Laszivität zu - was wir in den dämmerigen Lichtkegeln zwischen scharfen Hell-Dunkel-Kontrasten sehen, sind angefressene Karikaturen einer großen Kunstform.
Neunzig Minuten lang reiht Lock pausen- und ruhelos ein choreografisches Versatzstück an das andere, rasend schnelle, nervöse Soli und Duette werden im Wechsel endlos wiederholt; angefangene Bewegungen abgebrochen und in entgegengesetzter Richtung fortgesetzt. Dabei wird so mit Oppositionen gearbeitet, dass befremdliche Spannungen, auch Brüche entstehen: in den Pas de deux tanzen sie noch die alten Motive von Anziehung und Abstoßung, exerzieren aber alles so mit automatenhafter Exaktheit, dass der Abstand von der Vorlage fast schmerzhaft deutlich wird.
Entmenschlicht wirken die Tänzerinnen und Tänzer in allem, was sie tun und dennoch hört man gelegentlich den schweren Atem der Anstrengung, der auf ihren menschlichen Ursprung rückverweist. Und auch in den animalischen Bewegungen einer Tänzerin liegt noch etwas Roboterhaftes.
So entfremdet wie die Tänzer von ihrer Kunstform und ihrer organischen Körperlichkeit erscheinen, so entkoppelt sind auch Tanz und Musik: das musikalische Quartett auf der Bühne lässt die sehr moderaten, gleichförmigen Nachkompositionen von Barockmusik harmlos vor sich hin plätschern - und bildet so einen scharfen Kontrast zu dem Tanz mit seinem aggressiven Manierismus.
Und das ist es dann auch, was als Eindruck von diesem Abend haften bleibt: dass Édouard Lock, wie kein Zweiter, seinen eigenen Ausgangspunkt, den klassischen Tanz, nicht mehr nur fragmentarisiert und zur Disposition stellt, sondern durch überzüchtete Virtuosität gnadenlos zersetzt - und dabei, wie stets, allerhöchste Tanzkunst betreibt.
Elisabeth Nehring, DeutschlandRadio Kultur 22.1.2012
BALLERINA IN DER UNTERWELT
Der kanadische Star-Choreograf Édouard Lock verbindet zwei Opern zu Avantgarde-Ballett, das in Hellerau zu sehen ist. – Es gibt Erscheinungen im Tanz, nur für Sekunden sichtbar, die nach der Aufführung in Erinnerung bleiben. Der Kanadier Èdouard Lock ist einer der wenigen Choreografen, die mit sparsamen Mitteln eine ungeheure Wirkung erzeugen. Seine Company La La La Human Steps bewegt sich auf stockfinsterer Bühne im harten Licht starker Scheinwerfer. Da löst sich eine Tänzerin aus den Händen ihres Partners, der sie zuvor an den Hüften hält, und dreht sich so rasch, dass man glaubt, der Wirbel sei gefilmt und werde mit doppelter Geschwindigkeit abgespielt. Oder sie schlägt unverhofft das gestreckte Bein wie ein Messer zum Kopf. Oder sie führt mit ihren Kolleginnen am Rande des Lichtkegels Bewegungen des Armes aus, die das ungeübte Auge kaum nachvollziehen kann. Es sieht so aus, als schlägle ein leuchtendes Gas in der Luft, eine Serie kalter Blitze. Rasch empfindet der Zuschauer, dass es in solcher Atmosphäre nicht mit rechten Dingen zugehen oder nicht glücklich enden kann.
Èdouard Lock ist einer der Wunderkinder des Tanzes, dem wiederholt solche Erfindungen gelingen. Er entwickelt für seine eigene Company einen spektakulären Stil, der vor allem mit riskanten Rollen und Sprüngen begeistert. International bekannt wird er mit dem Stück „Human Sex“ (1985), in dem die Tänzerin Louise Lecavalier, mit Arm- und Knieschonern geschützt, durch die Luft faucht wie ein Geschoss. Tanz offenbart manchmal mehr Wahrheit als das geschriebene Wort. Bald erweist sich diese leidenschaftliche wie intime Kunst als ergiebig für das Ballett. Auch den klassischen Tanz auf der Spitze – das prekäre Gleichgewicht, die absolute Kontrolle – treibt der Choreograf ins Extrem.
Man will den inzwischen Weltberühmten deshalb anderswo haben: Lock wird für die Pariser Oper tätig und das holländische National-Ballett. Er erhält für seine Arbeiten zahlreiche Preise und in Montreal den Ehrendoktor der Universität von Quebec. Im Jahre 1990 ist Lock künstlerischer Direktor der Weltdirektor des Popmusikers David Bowie. Ebenso arbeitet er für Frank Zappa bei dessen „Yellow Shark“-Konzerten in Europa. Die Gestaltung der Bühnenarbeit renomierter Musiker liegt nahe: Lock ergänzt in der Regel die Erscheinungen des Tanzes und der Beleuchtung durch Live- Musik und Videos. In Dresden ist Locks Company erstmals 1999 mit der Choreografie „Salt“ Gast, anlässlich der Tage der Zeitgenössischen Musik. Bereits dort zu sehen: die Frau im Mittelpunkt flinker Mechanik, die ständigen Wiederholungen, die Wirbel im Zeitraffer. Am Ende wirken die Tänzerinnen wie in Trance, im immer waghalsigere Drehungen verstrickt.
Vor Vier Jahren verblüfft La La La Human Steps auf Deutschlandtournee mit den Meister- Balletten „Schwanensee“ und „Dornröschen“ – in einem einzigen Stück und mit neu geschriebener Musik. Die Kombination gerät temporeich, kalt und fremd, die düstere Gewalt des Unbewußten erscheint. Man muss seinen Tschaikowsky schon kennen, um dranzubleiben.
Lock schätzt die parallele Führung im Grunde unvereinbarer Geschichten und traut dem Publimum einiges zu. Er will dessen „kulturelle Erinnerung“ anregen, wie er die Kenntnis von berühmten Werken nennt. Die sich ergebende Erfahrung ist nicht vorhersehbar. Vielleicht ist einer anschließend nicht mehr so festgelegt. Manche Kritiker nennen Lock den Intellektuellen des Tanzes. Auch die neue Arbeit für Hellerau, noch ohne Namen und am 5. Januar in Amsterdam uraufgeführt, setzt auf dieses Experiment.
Lock verbindet hier mit Hilfe des Komponisten Gavin Bryars die Opern „Dido und Aneas“ von Henry Purcell und „Orpheus und Euridyke“ des Christoph Willibald Ritter von Gluck. Kundige werden wissen: In der einen Geschichte stürzt sich die Königin Karthagos ins Schwert, weil der Liebste nach dem Willen des obersten Gottes Rom gründen muss. Er meint, er habe eine Sendung. Sie meint er habe sie betrogen.
In der zweiten Sage rettet der griechische Sänger seine Frau aus der Unterwelt, dreht sich aber zu ihr um, obwohl das der Herr der Toten verbietet. Wollte Orpheus sich ihrer Zuneigung oder Euridyke sich seiner vergewissern? Er muss sie ein zweites Mal sterben lassen. Die Opern schneiden den jeweiligen Stoff vollkommen auf die Liebe und deren Unglück zu. Götter sind längst Nebensache.
Das Tanzstück der Company La La La Human Steps lässt die eine Sage nahtlos in die andere übergehen: Die Königin muss in die Unterwelt, damit ihr der Liebste als Sänger erscheinen. Lock demonstriert bereits durch die Wiederholung des höfischen Tanzrituals, dass sich die Geschichten in ihren Strukturen gleichen. Die Frau wartet wieder, immer noch, das kann das Publikum bei Gelegenheit auf zwei Videoleinwänden sehen.
Ob es die Herrscherin oder die Sängerbraut ist, die sich dort am Kragen zupft oder ins Haar fasst, das Weib wirkt unsicher und entrückt. Im selben Film inspiziert das Auge des Höllenhundes ab und zu die Szene, als gäbe es noch eine Chance diese Liebe gewinnen zu lassen.
Den Choreografen bewegt aber nicht allein der Gang des Dramas, an das sich die Zuschauer erinnern mögen. Mehr noch faszinieren ihn die musikalischen Strukturen der Barockmusik und der frühen Klassik, die den von ihm bevorzugten Formen des Tanzes verblüffend nahe kommen: Diese schneidende Härte und Kälte, mit der man etwas auf den Punkt bringen kann.
Diese durchgängig fein aufgelösten Rhythmen, die Trippelschritte auf der Spitze zum Lautenschlag. Der Hofstaat und die Seligen feiern eine nervöse Totenmesse um ihre Ballerina. Der Komponist Gavin Bryars nimmt zu diesem Zwecke die barocken Opern auf und richtet sie für ein Quartett ein, das wie gehabt auf der Bühe live auftritt. Cembalo, Bratsche und Cello liefern das Gerüst, während das Saxophon die Arien übernimmt. Die meisten Motive sind den Vorlagen nahe genug, dass sie das Gefühl erzeugen man kenne sie bereits.
Ohne Frage ist auch der klassische Tanz zur Genüge eingeführt, den Lock auf die Spitze treibt. Die besten ausgebildeten Körper der Tänzerinnen und Tänzer erzählen die Tradition ihres Berufes beiläufig mit. Und dann gibt es noch diese effektvollen Bewegungen: Das überraschende Hochwerfen des Spielbeins. Den Griff des Mannes an der Hüfte der Frau, der später zur Beschleunigung führt. Die Punkte am Kopf, die ihr Arm am Rande des Lichtkegels in festgelegter Reihenfolge berührt. Lock liebt es ebenso Momente zu erfinden, die den Körper der Tänzer unsichtbar machen. Man sieht es nur wirbeln und blitzen.
Uwe Salzbrenner, PluSZ Spot 20.1. 2011
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EDOUARD LOCK DEBUT IN AMSTERDAM
AMSTERDAM – La La La Human Steps began its fourth decade auspiciously in Amsterdam this week with the world premiere of Edouard Lock’s latest major work largely involving new dancers, a distinguished guest artist in the person of Diana Vishneva of Russia’s Maryinsky Ballet, and, most significantly, choreography of great depth, subtlety, range of movement and emotional resonance. Publicized rather oddly only as “Edouard Lock’s New Work,” the 95-minute piece could well be his finest creation.
On Thursday (Jan. 6), throughout the second performance of the three-day Amsterdam run, there was evidence that Lock pushed beyond the parameters that he established in Amelia (2002) and Amjad (2007), works that emphasized brilliant duets for men fiercely gesticulating and women on point spinning like tops.
Never fear, the new work had plenty of gesticulation and fantastic spinning by both the women on point as well as the men – the 12-member cast outfitted in familiar La La La black was a marvel. But at times for purposes of dramatic contrast, Lock allowed body lines to become looser, more relaxed, without the relentless tension seen in the earlier works. Instead of extended clinches, couples in duets separated for longer intervals and at a farther distance on the big Het Muziektheater stage (comparable to Salle Wilfrid Pelletier’s).
Lock also unusually had his dancers often sprawling on the floor. Indeed, after the onstage four-member band played an overture of Gavin Bryars’ music (his pseudo-Baroque score was a highlight throughout the work, with a particularly poignant saxophone), the curtain rose on the floor-bound arched figure of Talia Evtushenko, her arm raised plaintively. Regularly the floor came into play during intense exchanges between couples.
Each time that the dancers came together after separating or rose up from the floor to find each other, there was dramatic, emotional reconciliation (frequently followed immediately by another breakup – these were people bound by an emotional vicious circle). Lock is the most unsentimental of choreographers, but his work nonetheless regularly shows people trying desperately to make connections with other people, however brief or in vain.
This was certainly evident in this latest piece, which was inspired, according to the publicity, by two classic tales of love, Dido and Aeneas, and Orfeo and Eurydice. Lock took not their plots, but their evocation of passion and poignant awareness that all relations, not matter how intense, are slaves of human mortality. At intervals, two large vertical screens were lowered in parallel showing a pretty young woman on one side in a touching visual conversation with a version of her old self on the other. Aging and its ultimate end were inevitable, and no amount of spinning or vigorous movement, the entire work implied, could delay one’s fate.
The final statement on this came in a closing duet with Vishneva and veteran company member Jason Shipley-Holmes, the coolest and most reliable of partners. With a lyricism unusual for Lock, the two calmly bid an extended farewell, Vishneva demonstrating the relaxed ease, fine line and expressiveness that make her outstanding as Giselle and Odette-Odile. The last image of Vishneva alone on the ground, her body arched over her one extended leg, patently evoked the Dying Swan, a coy but highly effective little homage from Lock.
The participation of the world-famous artist came after she searched for some high-profile choreographers to prepare pieces for her in a one-off show. Lock was considered. Although the two were unable to collaborate on that show, Lock felt there was potential to work together.
Vishneva spent an intensive month in Montreal preparing her role. Rehearsals regularly lasted until midnight. Though she was accustomed to memorizing big parts (she’s performing three large-scale classical ballets this year including La Bayadere with the Maryinsky in Ottawa in February), Lock’s work was demanding even for her.
“This feels like ballet for the 21st century,” Vishneva said in a back-stage interview after the show. “After this, classical ballet feels like slow motion.”
Almost everything connected with the rehearsal was a challenge.
“First I learned the steps slowly, but then I was having sleepless nights wondering how I could ever perform them fast the next day. And we rehearsed without mirrors or music. Never had I worked that way! I heard the music for the final duet just two days before the premiere. But Edouard asked me to trust him, and I did. I danced through his eyes.”
Vishneva will dance in selected cities on the company’s European tour and also in Montreal in May (but not in Toronto). Undoubtedly Lock will fiddle with the work before it gets to Montreal, hopefully adding a slow duet for Vishneva that was dropped because of an injury to her partner. But the performance this week showed unusual polish for a Lock premiere.
Equally up to the challenge were the splendid company members hired last year – Diego Castro, Mi Deng, Sandra Muhlbauer, Marcio Vinicius Paulino Silveira, Grace-Anne Powers, Alejandra Salamanca Lopez, William Lee Smith and Kai Zhang. Statuesque veteran Zofia Tujaka rounded out the formidable cast.
Special to The Gazette by Victor Swoboda, Friday, January 7, 2011
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