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ISMAEL IVO
DIE NACHT DES DIONYSOS
WEIN INS WASSER DES TANZES
Ismael Ivos Solo „Nacht des Dionysos“ im Wilhelmatheater
Die Tanzsolo-Installation „Die Nacht des Dionysos“ von Ismael Ivo hätte auch „Das Bad des Dionysos“ heißen können: Wassertropfen tanzen bei der Uraufführung am Donnerstagabend im Wilhelmatheater fast ständig mit. Das ändert nichts an der Eindrücklichkeit der Bilder, welche der Solist (in Kooperation mit der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart) auf der Bühne in Bewegung bringt. Das Premierenpublikum braucht eine Weile, bis es nach siebzig Minuten gedanklich den Weg zurück in den Zuschauerraum findet. Dann applaudiert es lange und nachdrücklich.
Niemand erwartet bei einer Produktion von Ismael Ivo einen dionysischen Rausch, selbst wenn der Gott des Weines als Titelheld genannt wird. Genau genommen geht es ja auch um dessen Erwachen – und dafür geht Ivo in die Tiefe. Konkret gesprochen geht er dafür zunächst ins Wasser, in eine Art Aquarium, welches angeleuchtet auf einem Podest mitten auf der Bühne steht. Vollkommen reglos ruht hier Ivos Körper. Es bedarf mehrerer Blicke, um sicher zu gehen, dass dies ein lebendiger Mensch ist. Bewegung und Körper sind hier noch getrennt: Aktion passiert nur durch Lichtwellen, die auf dem Bühnenhintergrund tanzen.
Selbst mit dem ersten Musikstück, „Agnus Dei“ von Rufus Wainwright, ändert sich daran fast nichts. Ivos minimale Motionen sind nur wahrnehmbar, weil sich Lichter und Schatten auf seiner Haut verändern. Erschreckend schön und brutal wird dann der Geburtsvorgang in diesem ersten, Birth genannten Bild in Szene gesetzt. Zum Seufzen und Stöhnen von Paulo Chagas wechselt der Tänzer im Wasser zwischen fetalem Kauern und heftigen Stoßbewegungen; erste Wellen schwappen über den Rand des Aquariums auf die Bühne. Daraus entwickelt sich ein lustvolles, fast aggressives Planschen, bis sich der Leib über den Glasrand schiebt und laut auf den Bühnenboden platscht.
Das zweite Bild heißt Beauty. Komponiert ist es aus dem Tänzer mit weißer Plastikmaske und schwarzem Anzug sowie einem aufblasbaren, roten Plastiksofa, einem Schlauch und einem Glas Wein (Raumentwurf: Marcel Kaskeline). Zu schmerzhaft eindringlichen Elektroklängen von Chagas pumpt Ivo das Wasser vollends auf die Bühne und wiederholt dann sitzend ständig dieselbe Geste: Hände, die über die Knie streifen und ins Leere greifen – eine ins absurde gesteigerte Formel aus dem Repertoire der Körpersprache.
Ständig flimmern dazu Schwarz-Weiß-Bilder eines Massentumults in kreuzförmiger Projektion über die Rückwand, ein sich wiederholender chorisch gesprochener Countdown dringt dazu ans Ohr (audiovisuelles Design: Fender Schrade). Vom Wein kann Ivo nur nippen, wenn er auf der überfluteten, blutroten Bühne im Wasser kniet. Tanz ist hier vor allem Sache der nassen Anzugfalten: Sie kleben an seiner Haut und folgen den Bewegungen seiner Muskeln. Es scheint, als wolle er fliegen. Abstoßend und monströs wirkt zunächst das dritte Bild, betitelt Blood, bei dem blutrote Flüssigkeit von oben tropft, ihn einfärbt; die er – jetzt ohne Maske – genussvoll trinkt und die ihm aus den Mundwinkeln herausquillt.
Warme Streicherklänge von Schostakowitsch geben dem Vorgang eine emotionale, fast innige Note. Zum Schluss tanzt Ivo, befreit, zum archaischen Trommeldonner des Requiems von Les Tambours Du Bronx. Das passt irgendwie zu den Zeilen aus „Adieu“ von Arthur Rimbaud, die immer wieder auf der Bühnenwand erscheinen und verschwinden. Beides sind Bilder von Abschied und vom Sterben eines Zustandes, damit ein neuer, anderer erwachen kann. Lachend prostet Ismael Ivo schließlich dem Publikum zu, ehe er im langen schwarzen Mantel siegreich auf dem Aquariumspodest posiert und das Weinglas lässig auskippt.
Gabriele Müller, Stuttgarter Zeitung, 15.3.2008
DAS URWESEN ZAPPELT IM BASSIN
Der Dionysos-Kult gilt als so ekstatisch wie orgiastisch. Und kaum einer wäre besser geeignet, den griechischen Gott des Weines und der Fruchtbarkeit zu verkörpern, als der internationale Startänzer und Choreograf Ismael Ivo, Direktor der Tanzsparte auf der Biennale in Venedig sowie Gründer und Leiter des ImPulsTanz-Festivals in Wien.
Am Donnerstag feierte er im Wilhelma Theater Uraufführung mit seinem Projekt „Die Nacht des Dionysos“, das er sich selbst auf den kraftvollen Leib geschrieben hat. Eine berauschende Tanzperformance in drei Bildern: Birth, Beauty und Blood. Schon die Titel deuten an, dass es hier weniger um Wein, Weib und Seligkeit geht.
Vielmehr lotet Ivo die dunkle Seite des tabulosen Sagengottes aus, findet das Rauschhafte im Kampf und in der Zerstörungslust, zappelt nach ewigen bewegungslosen Minuten zitteraalgleich im gläsernen Wasserbassin, kollabiert davor, kehrt als Anzugmensch mit Schlips und Maske wieder, um fast reglos ein aufblasbares Sofa zu
besetzen, inmitten seiner zum Teich verwandelten Bühne. Dazu verschwommene Projektionen von Tumulten in Fußballstadien.
Und nach Rufus Wainwrights „Agnus Dei“ eine sich steigernde Geräuschkulisse von schwerem Atmen und Glockenschlägen. Es dauert, bis er tatsächlich tanzt. Bis er, Rücken zum Publikum, Kopf eingezogen, im Streiflicht eine bewegte Skulptur erzeugt – Muskelpartien im Spiel mit nassen Anzugfalten. Oder bis später aus eruptivem Stampfen runde, von Wasserspritzern nachgezeichnete Bewegungen werden, die in Siegesposen
mit himmelwärts gestreckten Gliedern enden. Doch Ismael Ivo gelingt es, die Spannung zu halten: Neben seiner körperlichen Präsenz und seinem tänzerischen wie darstellerischen Können prägt den über fünfzigjährigen Brasilianer ein großes dramaturgisches Gespür, ein geübter Sinn für theatrale Affekte.
Musik, Beleuchtung und Projektionen lassen Bilder entstehen, steigern die Erwartung bis an die Schmerzgrenze, um immer wieder mit exaktem Timing eingelöst zu werden, von Ismael Ivo, diesem übermütigen, am Ende sturzbesoffenen „Urwesen selbst“, wie Friedrich Nietzsche das Dionysische in uns beschreibt.
Na denn: Prost!
Patricia Fleischmann, Stuttgarter Nachrichten 15.3.2008
DER KöRPER SCHREIT
Ismael Ivos grandioser Solotanzabend "Die Nacht des Dionysos" in Stuttgart
Neues vom Schmerzensmann der Tanzkunst: Ismael Ivo stemmt in Stuttgart einen beeindruckenden Tanzabend auf die geflutete Bühne.
Ismael Ivo schlägt Wellen im Wasserbecken und flutet die Bühne: "Die Nacht des Dionysos" im Stuttgarter Wilhelma-Theater. Foto: dpa
Anfangs ruht es regunglos wie ein riesiger Wels im Zimmeraquarium. Doch bald schon schlägt das eingekastelte Wesen mächtig Wellen; es paddelt und zappelt, plantscht und schafft sich amphibisch heraus aus dem gläsernen Sarg. Mit einer beeindruckenden Eingangsszene lässt Solotänzer Ismael Ivo seinem Dionysos die Geburtsstunde schlagen. Und der entpuppt sich weniger als faunischer Rauschgott, sondern als ein Einzelkämpfer, der sich den eigenen Leib zum Schlachtfeld erkoren hat.
Ismael Ivos immer noch imposante Mischung aus Butoh und Voodoo, aus deutschtradiertem Ausdruckstanz und allen möglichen zeitgemäßeren Einflüssen fällt sicherlich mit den Lebensjahren jenseits der 50 nicht mehr ganz so athletisch schnaubend und schwitzend aus wie früher. Doch die physische Präsenz des gebürtigen Brasilianers ist nach wie vor enorm, manchmal nachgerade einschüchternd. Die "Solo-Installation" im Wilhelma-Theater besteht zuallererst aus einem Gesamtkunstwerk, der Körperskulptur Ivo. Er treibt sie, mehr ein Pygmalion als ein Dionysos seiner selbst, in immer neue Grenzerfahrungen. Dass diese nun gleichzeitig verhaltener und gewalttätiger erscheinen als je zuvor, mag auch an Ivos neugieriger Annäherung an die Körperkunstextremistin Marina Abramivic liegen. Und daran, dass sich geballte Physis gern mit Aggression paart, um die Masse Mensch so richtig und unselig in Bewegung zu versetzen.
Im zweiten Abschnitt des 70-minütigen Tanzabends, da hat Ivo bereits den Kind-Gott wieder mit dem Bade ausgeschüttet und die Bühne unter Wasser gesetzt, sieht man im Hintergrund neben Rimbaudschen Kernsätzen auch schemenhaft einige schlägernde Hoologan-Horden ihr Unwesen treiben. Ismael Ivo, hier ganz Zeremonienmeister mit Fantomas-Maske, scheint ihr Prophet und Mahner zugleich. Er suhlt und windet sich vor einem Luftsofa in der Bühnenpfütze, und später stampft er all die inneren Widersprüche und Widerstände in diesen Pfützen-Grund und Boden. Später leckt er vom Bühnenhimmel tropfendes Blut, lässt einen grotesken Samba Einzug halten im dionysischen Karneval.
Diese rauschhafte Nacht, so viel ist klar, nimmt kein glückliches Ende. Umso mehr aber die vorübergehende Rücklehr des verlorenen Tanz-Sohnes nach Stuttgart. Die raren Gelegenheiten, den Ausnahmekörper hier zu erleben, sollte man unbedingt wahrnehmen.
Wilhelm Triebold, Sudwestpresse 15.3.2008
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