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ecotopia dance productions: press clippings Helena Waldmann - Letters from Tentland
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HELENA WALDMANN

LETTERS FROM TENTLAND

UNDER COVER
Das Wort für Zelt und für das sackartige Gewand der Frauen ist in Iran das gleiche: Tschador. Deshalb hat die Choreografin Helena Waldmann ihr neues Tanzstück Letters from Tehran aus wandelnden Zelten komponiert. Fünf iranische Frauen verleihen bunten Igluzelten ein Innenleben, von dem man beim Tanztheater International in Hannover nur die äußere Hülle sah. Bizarr und ein wenig unheimlich wirbeln sie durch den Raum, fallen von der Bühne, stürzen sich aufeinander oder stehen still nebeneinander. In einer Szene zerren alle Zelte gemeinsam an einem einzigen blauen, an Mrs. Blue, bis die äußerste Schicht sich löst. Doch darunter kommt eine neue Membran zum Vorschein. Ohne diese vielschichtige Umhüllung scheint Äußerung nicht möglich. Waldmanns Stück kommentiert die politische Wirklichkeit in Iran, wo offiziell kein Tanz, sondern lediglich „rhythmische Bewegung“ erlaubt ist. Auf Einladung des Dramatic Arts Center Teheran hatte die Choreografin vor kurzem einen zweimonatigen Workshop geleitet, mit der Zelt-Metapher findet sie nun einen eingängigen Weg, ihre Iraneindrücke zu schildern. Die Ambivalenz des Tschadors, der Schutz und Gefängnis ist, der es erlaubt, zu sehen, ohne gesehen zu werden, steht im Zentrum der Performance. Sie beginnt mit einer abschottenden Geste, dem Zuziehen eines Reißverschlusses, am Ende aber laden die Frauen zum Eintritt ins Zelt ein. Wie nahe man ihnen kommen darf, wird erst die nächste Vorstellung des als Serie angelegten Projektes am 6. und 7. November im Haus der Kunst in München zeigen.
Nina May, DIE ZEIT Nr 38, 9. September 2004

TANZENDE ZELTE AUS TEHERAN
Tanzen ist im Iran verboten. Unter dem Titel "Rhythmische Bewegung" darf man es doch betreiben. Die Frankfurter Choreographin Helena Waldmann flog für einen Workshop rüber und wollte gleich wieder zurück. "Die Frauen in der Öffentlichkeit sehen aus wie Zelte", erzählt sie nach der Voraufführung des ersten Teils ihrer "Letters of Teheran" in Hannover.
Unter den Verhüllungen, im intimen Kreis der sechs Tänzerinnen hat sie dann aber die Warmherzigkeit und Fröhlichkeit entdeckt, die man dem Orient sonst nachsagt. Das soll erst im zweiten Teil Thema werden. Wir sehen: Zelte. Hören bloß leises Wimmern, Singen, Kratzen, Schläge. Plötzlich wandert ein Zelt dazu, drängt sich dazwischen, treibt alle auseinander.
In den Zelten agieren die Tänzerinnen. Lassen die bespannten weichen Faltgestelle Kopf stehen, sich überschlagen, toben. Mal schmiegen sich auch zwei Zelte aneinander, aber es überwiegt aggressives Verhalten: Ein Zelt wird zerrissen, darunter steckt ein neues.
Dass Zelte einander verschlingen können, man hätte es nicht gedacht. Eines wagt sich zu nahe an den Abgrund und stürzt in den Orchestergraben. Die anderen neigen sich hinab und werfen der aus der Gesellschaft Gefallenen Almosen aus den Schlitzen, so wie es gottgefällig ist im Islam.
Für die Szenenwechsel senkt sich eine Leinwand, auf der Filmszenen aus Teheran gezeigt werden. Auch dort wimmelt es von Zelten, wirklichen Wohnzelten, in denen teils ganze Familien leben. Als sich die Leinwand das letzte Mal hebt, ist nur noch ein Zelt über. Darin wird eine Tänzerin nach der anderen sichtbar. Jetzt dürfen wir schon ins Zelt schauen, nun könnte das Stück über das Innenleben der Frauen beginnen.
Im Februar soll es in Teheran herauskommen. Wir wollen diese wunderbar begonnene Produktion beim nächsten Festival unbedingt komplett sehen. Starker Applaus.
Braunschweiger Zeitung Dienstag, 07.09.2004

WILD HüPFENDE ZELTE AUS TEHERAN
Hannover. Zelte, die über die Bühne hüpfen. Die Berliner Choreografin Helena Waldmann, bekannt für
eigenwillige Tanzformen, zeigte beim Festival TanzTheater International einen Versuch ihrer neuen Produktion
"Letters From Tehran".
In der iranischen Hauptstadt hat Waldmann auf Einladung des Dramatic Arts Centers einen Workshop
mit einheimischen Performerinnen abgehalten. Nun also die erste Arbeitsbilanz auf dem Weg zur Uraufführung im Januar 2005.
Rund eine halbe Stunde lang sah man tanzende, von je einer Akteurin im Inneren bewegte Zelte.
Zunächst noch brav in der Reihe stehend, begannen sie alsbald einander zu bedrängen. Dann flippte eines völlig
aus und tobte in wilden Purzelbäumen herum. Die eigenartigsten Bilder entstanden: Zelte, die sich gegenseitg
verschlangen oder besprangen, oder ein Zelt, das die Außenhaut abstreifte - nur um darunter ein kleineres
Exemplar derselben Spezies zu enthüllen. Ein anderes kippte derweil mal eben über den Bühnenrand weg.
Vorweg und dazwischen Videos, etwa von Männeren beim Einreißen von Mauern. Gesamtwirkung bis
zum (vorläufigen) Schlussbild, als die Frauen die Türen öffneten und zum Eintritt ins Zelt aufforderten:
eindringlich, jedoch ziemlich heftig, zumal die herumspringenden luftigen Behausungen etwas seltsam
Menschliches hatten.
Diesen Eindruck bestätigte die Choreografin denn auch bei der anschließenden Diskussion: Die
verschleierten Frauen auf den iranischen Strassen hätten sie sofort an eben diese wandelnden Zelte erinnert, über
dies seien echte Zelte dort weit verbreitet: Waldmanns Einstellung zum Land hat sich im Laufe der Zeit
gewandelt: "Zuerst kam mir alles sehr agressiv vor, erst später habe ich die positiven Seiten zu schätzen gelernt."
Diese innerlichen Aspekte sollen im zweiten Teil des Stücks zum Tragen kommen, den es noch zu erarbeiten gilt.
Auch die Performerinnen wussten Interessantes zu erzählen. Ernstes wie Heiters. Etwa, dass sie ihr Tun,
da Tanz im Iran verboten ist, "rhythmische Bewegungen" nennen würden. Und wenn etwas bei der Vorstellung
nicht klappt, "können wir sagen, die Zelte sind schuld", wie eine der Ladies meinte. "Das ist die iranischen Art der Entschuldigung."
Neue Presse, Dienstag 07.09.2004

HIDDEN IDENTITY
In January of the upcoming year the production will be premiered at the Theatre Festival in Tehran as a project of the Dramatic Arts Center. With it, already the two previews in the theatre in the “Haus der Kunst” have been a sensation.
Helena Waldmann greeted the audience with “I have brought you some souvenirs from my trip to Tehran“, and magically created a tent-city on the stage, like never seen before:
Hiding inside the pliable tents, like a second skin, are seven women pulsating with life.
Nothing, that they are not able to do, packed inside this second cover. Rocking, circling, somersaulting, eating eachother up, collapsing or blossoming like butterflies – only psychically coming out, they never do that. Their window to the outside world is to some a transparent see-through square and to others it is their voices, that loudly break out of this soft prison. Those who want to get to know the women better, must crawl into them through the zipped slit of the tent; video pictures, script projections and Arabic sound scenes help support the concept of this tent theatre. The performance concludes with a tea reception hosted by the Iranian actresses on stage, which transforms into a huge tent – hidden from the glances of the men, who for once are treated secondary: exactly these facets, bordering on the provocative, make it possible to have a humorous analytical theatrical view in a strange cultural world.
Vesna Mlakar, 9.11.2004 tanznetz.de

IMPRISONED IN A TENT
Unanimous jubel in the „Haus der Kunst“ for Letters from Tentland, that Helena Waldmann in Tehran – in spite of state observation – highly impressively created for with six Iranian women. Here, the women, each one in her zipped tent, being hidden and locked up - in spite of a ban on dancing and other restrictions – nevertheless determined and creative to find another freedom. To wild war-like music, overflowing with Arabic characters, a half-dozen pear-shaped material igloos dance in rows, circles and perform somersaults like an abstract people-less ballet.
Sad and serious women’s faces look through the mesh of the zipped-up tent-hatch, and turn once to the audience: “We can’t come out to you, but we can change the colour of our tents and with that have the privilege of not being recognised.” In the constraints of the tent straight-jacket you learn to express positive with a deeper meaning.
Malve Gradingen, Münchner Merkur 8.11.2004

HOW TO LIVE UNDER TENTS
The strongest impression left behind at the festival was „Letters from Tentland“, directed by the Berliner choreographer, Helena Waldmann, with six Iranian actresses. You see tents everywhere in Tehran (not as emergency housing but as leisure housing), and the word for tent also symbolises the “Tschador”, the whole body veil worn by women. And it is in pear shaped folding tents that Waldmann hides the performers. Fantastic with which nimble ease they show their identity through this second skin, and with how much humour they tell a story of their everyday lives. A mosaic made up of Islamic poems and songs, video pictures from the street, self-confident messages from the women who live under the “Tschador”. Everything with scenic wit: The tents dance, perform somersaults and crawl into each other. At the end the women in the audience are invited behind the stage curtain for tea and conversation. The men immediately sense what it means to be shut out. With this step to the edge, curator Cornelia Albrecht achieved a highlight in an already exciting dance festival
Gabriella Lorenz, Abendzeitung 8.11.2004

CLAUSTROPHOBIA IN A REFUGE
Oppressive and besieged stays the constricted play-room, that the Mullah type forced clothes allow, and for the dance director Helena Waldmann, an exceptionally simple and noteworthy way to translate: she sticks her six protagonists, all of them young Iranians, in small igloo-tents, which astonishingly and accurately correspond to state enforced whole-body cover-up.
In them they wind, roll, knock about and get caught up in understandable lack of space and in a boisterous need to move. Laundry bags that have become wild, drunkenly swaying, circling. Astonishingly what they can do with such a one-woman tent. They stand on their heads, flap their wings, cuddle like Barbapapa and swallow other tents until nearly all the seams burst. It is what you are familiar with yourself on every camp ground, where you desperately fight with the unstable static tent material.
The tent theatre-group manages to create impressive images. "Letters from
Tentland" results from a workshop in the Tehran Dramatic Arts Center. The choreograph explains: „Dance is forbidden in Iran, dancing tents are not. "That is ironic thing, but less so from an Iranian point of view of the matter. The scarcely hour long evening really didn’t give the impression, as reign the women peacefully in space or conquer superior „Occupied Area .“ It has nothing to do with Women’s Lib in Hijab. The opposite, there remains the uncomfortable feeling of claustrophobia in the prescribed, sex-divided “refuges”. That the women on the other hand are not only capable of speaking to men experienced the audience in Ludwigsburg at the end: only the female sex was invited behind the scenes to the get-to-know you tea.
Wilhelm Triebold, Südwest Presse 21.6.2005

WHEN TENTS START TO TALK
Where Stuttgart only manages rarely to invite international guests and therefore earns the title of “the quarter of a century rhythm city”, Ludwigsburg invites top quality guests every year – and is always strongly represented during the “Festspielzeit”. Like now with the Dramatic Arts Center Tehran production of “Letters from Tentland” in the Karlskaserne. Helena Waldmann, director from Berlin and world traveler in the field of theatre, whom in the past even discovered penguins, pigs and Cheshire cats as cast members, most recently struck lucky in Iran and with six performers as hosts from six elastic tents, that couldn’t be more up to the minute. At exactly this time in Iran the world observes the presidential voting taking place, by which the changing image and role of women in modern society is fiercely discussed. And exactly that subject is what „Letters from Tentland“ is about – about the women, whom in their chador, the whole-body veil, feel like they are imprisoned and react accordingly – with their messages, which they direct to the world through their barred windows. Persian letters from another “Thousand and one night”, though definitely no longer like a fairytale, but a very today “Thousand and one night”, – everyday messages, not least of all directed at the West, out of an oriental divan, just like a prison. By learning how to live in it, by having to live in it, they show how they are able to communicate with each other in there and how to emancipate themselves. They do it, by developing a tent-language, in which it can be very turbulent, if they rebel against its material, or dare to look through the zips and bars, like a message they stretch out their hands, when they only slip into another tent, whereby it can even result in oppression.
If Alwin Nokolais, in the fifties and sixties of the previous century, in his „Sound and Vision Pieces“, had hidden his dancers in elastic costumes, that let the dancers appear like aliens from another world, then „Letters from Tentland“ would be like a continuation of that political statement: a mobile female emancipation camp in the time of the end of the Mullahs supremacy.
Horst Koegler, koeglerjounal 19.6.2005

REVEALING DISGUISES
A tent can be a protection, a dwelling, either as emergency accommodation or for leisure purposes. The Berlin choreographer, Helena Waldmann and her six Iranian performers used it to serve it’s purpose, in a land where dance in a public place is only allowed in a very reduced form as “rhythmic movement” and where women have to adhere to a cover-up rule outside of their private sphere, and despite censorship, implemented an exceptional and so intelligently analysed dance theatre project that is sensual and funny at the same time. Tents are obviously present everywhere in Iranian everyday life. That was illustrated in the slideshow at the beginning of the performance. Then six of skittle shaped dwellings stand in a row on the ramp, disorderly, and people watching cannot see inside. And at the same time the silent igloos appear to watch the audience like an over-dimensional eye. The women, who are inside tents, can only be identified as shadows. First sound individual knocking signs from inside, which eventually grow louder to become a rhythmic tune. And then movement comes into the happening. The tents rock back and forth, somersault over the stage, crawl into each other and fold themselves together. Without ever having to leave their second skin, the performers execute their unique dance – subversive, subtle with a lot of wit and charm. In conjunction with the video design, made up of Arabic characters and views of the city, the scenery dives into a suggestive flood of pictures, oriental music and poems as well as and especially through the confident verbal statements of the women, the dancing tent city explains about life with the chador. The Persian word chador means the whole body veil, that strong believing Muslims see as appropriate dressing for women, at the same time it also means tent. That the director Helena Waldmann and her audience, who have grown up in a culture with European Christian beliefs, bring with them lots of prejudices about life in Islamic society, is clear to the women from Tehran, all of them well-known actresses and dancers at home. “They think, that all women here are suppressed, but in her piece she hides us even more, “informs one member of the group in the white tent. “You are privileged that you can live outside but our privilege is not to be identified. We are protected from your eyes,” says another. With double meanings the performers rebel against the corset of a life without freedom and expose western superciliousness and prejudice. Women in Iran have found inventive ways and means to be themselves within the strict rules and regulations of the traditions and laws of their country; they are certainly not just at the mercy of the regime and the victim of men, the way it often is made to look. The female audience is invited behind the stage curtain to drink tea and discuss this with the members of the group after the performance. The men need to stay out and are therefore in this case for once the outsiders.
Claudia Gass, Stuttgarter Zeitung 21.6.2005

FROM THEM THAT YOU DON’T SEE
How do you stage a dance piece in a country where such dancing is forbidden? Helena Waldmann, multi-media magician under the German theatre people, makes the impossible possible. The choreograph, Helena Waldmann, is as far removed from political action as from the art of pure dancing. She covers up all genres and ably juggles with the media. Now she turns the theatre situation around: She packs her six Iranian actresses in tents and lets them, at the tops of their voices, question the director’s instructions. But the amazing thing is: the dancing is so lovely in 'Letters from Tentland' that you can’t see enough of the tents that seem to be like flowers in the wind. The inmates manipulate their material dwelling like skilled puppeteers, opening and closing them like mussels, forming them to a rocking to and fro round dance, standing them on their heads, squashing them to a snail shell, to that there is Arabic music and sparsely placed video projections, a mosaic made up of poems and songs, everything scarce but for that scenically imaginatively staged. But naturally, the group of six always brings us back to floor of reality. In the end, the ballet of tents is not an end in itself, but wants Iranian society to look in the mirror, in that hidden things are given a double mean to make them into a subject. It is about the role of women, about their disappointments, their hopes. And it’s about the interference from us in Western countries.
Andrea Kachelrieß, Stuttgarter Nachrichten 21.6.2005

DANCE: THE IRANIAN TENT-THEATRE TRIUMPHED AT THE BIENNALE.
It wasn’t easy for the Berliner producer and choreographer, Helena Waldmann, to bring Letters from Tentland to the stage. The piece came about in conjunction with the Dramatic Arts Center in Tehran and the challenge was mastered successfully. The Italian premiere in Venice, as part of the third international contemporary dance festivals and the Biennale from Venice, was a success.
The staging of emotional compositions and visual beauty leaves a strong impression. From the first minute on, the inspired realization from Helena Waldmann and the dramatist, Susanne Vincenz, fascinates; when the first pictures from tents and camp grounds appear, all the way across Iran. They are a symbol of their freedom restrictions and at the same time, their protection. The tents, are therefore, the absolute protagonists. They rebel and move themselves decisively or angry, only imagination allows the breathing, the yearning and the anxiety within them. It is hard fought for confirmation of feminine existence in Iran, who at the same time, fight with courage against bans and censorship in the Islamic world and the prejudices of the West.
Venice, June 24,2005

IN IRAN, BODIES AND SOULS YEARN FOR A NEW FREEDOM.
To talk about the excellent performance, Letters from Tentland, from Helena Waldmann (idea, staging, choreography) and Susanne Vincenz (dramatist), means stressing the visual magic and the strong emotional effect of the German-Iranian co-production. But most of all you need to research the explicit social and political hints, and in this respect, the staging – played by six young Iranian artists – is the symbol and metaphor of courage of the new women in Iran.
Paola Bruna, Il Gazzettino, 25.06.2005

SEIZING FREEDOM WITH SIX CHADOR-TENTS.
Letters from Tentland is a perfect piece of work for the third international contemporary dance festival at the Venice Biennale, then, Ismale Ivo puts "Body Attack", the body which the world attacks, in the centre. Here is the body of the women in the Islamic world: bodies disguised in tents, a body that needs to be hidden. “What you can’t see, doesn’t have any rights”, says the women in the golden tent. The six actresses dance in the tents, roll head over heals, fall over, peal off the tent-skin and reveal another one underneath it. In a wonderful scene they are blown by wind and the tents crawl into each other. The women hit against the closed curtain, only light manages to escape; they scream against this wall.
Roberto Lamantea, La Nuova Venezia, 25.06.2005

DAS GANZE EINZELZELT IST EINE BüHNE
Die Grundidee der deutschen Regisseurin und Choreographin Helena Waldmann ist deshalb so gut, weil sie die berühmte Kleidervorschrift zweifach übersetzt. Denn in der Landessprache Farsi heisst Zelt tatsächlich Tschador. Genau wie jene schier totale Bedeckung der Frauen.
Nie verführt der Abend dazu, dem Klischee des "wahren Gesichts" aufzusitzen und die Frauen "demaskieren" zu wollen. Frau bleibt immer im Zelt, und nur Besucherinnen ist es erlaubt, nach der Vorstellung hinter dem Vorhang Tee zu trinken.
Tages Anzeiger, Tobi Müller, 20.8.2005

SPIEL UND TOD - NICHT UMZUBRINGEN
Sechs iranische Darstellerinnen stecken in sieben engen Zelten wie in Tschadors mit Sehschlitz, wie in Zwangsjacken. Die einen protestieren und verlangen Befreiung, den anderen ist die Ganzkörpermaske Schutz. Der Widerspruch beginnt nomadisierend eine getanzte Erzählung vom Befreiungskampf des weissen Zeltes, der in der Überwältigung durch das schwarze endet.
Waldmann knüpft lauter unlösbare Knoten zu einem wunderschönen, von arabischen Schriftzeichen und rhythmischen Arabesken durchwirkten Vorhang. Je vitaler der Zelttanz wird, desto erschöpfender strampeln sich die Zeltträgerinnen ab - und krümmen sich endlich zum ornamentalen Gebet: "Nur du, Gott, kannst unseren Zustand ändern." So ist es. Wir stecken im Dilemma wie in einem der Zelte.
St. Galler Tagblatt, Günther Fässler, 22.8.2005

UNSICHTBARE KöRPER
... In mehreren Bewegungsbildern wird das Agieren und Verhalten von sechs Frauen im Tentland vorgeführt. Spannend ist, wie souverän sie mit den Gegebenheiten umgehen und was sie ihren Ganzkörpermasken abgewinnen. Sie lassen das Verhüllen in Enthüllung umschlagen und lenken den Blick gezielt auf einzelne Körperteile. Oder sie ziehen sich in den Schutz ihrer Zelte zurück, verbergen sich und entziehen sich jeder Identifikation.
Zwischen westlichen Vorurteilen und östlicher Zensur gelang es Helena Waldmann, ihr Konzept zu verwirklichen und dem Selbstverständnis der hervorragenden iranischen Schauspielerinnen gerecht zu werden.
Der Landbote, Ursula Pellaton 20.8.2005

IN ANOTHER SKIN
Das persische Wort für Zelt, "Tschador", ist auch jenes für das staatlich verordnete Frauengewand. Daran erinnern Momente im Stück, in denen die Zelte wie grosse verhüllte Köpfe mit Sehschlitzen aussehen. Aber ganz so einfach macht es einem
Helena Waldmann mit den Bildern und Symbolen doch nicht. Sie spielt vielmehr mit ihnen und dreht sie so lange, bis diese sich gegen einen wenden und die eigene Sichtweise entlarven. Man sieht das, was man sehen will oder kann, wenn man lediglich ahnt, was sich hinter dem Schleier des Fremden verbirgt. Subtile Szenen mischen sich dabei mit plakativ wirkenden, ungemein bildstarke mit sperrigen.
Am schönsten sind jene Augenblicke, in denen sich die Videoprojektionen von Anna Saup, Karin Smigla-Bobinski und Farshid Behzad mit dem plastischen Geschehen auf der Bühne und mit den Imaginationen der Zuschauenden verbinden. So tanzt einmal eine Lichtgestalt leicht und anmutig über die Zeltwände, als wäre es der Geist der Phantasie, die immer mit dabei ist, wenn etwas verdeckt wird. Dann wiederum werden die Zeltkörper mit bewegten Schriftzügen regelrecht überschrieben, bis alles durch den Raum rast. Dieses Bild könnte als Zeichen für die
Herrschaft der Schrift über die Physis stehen, aber auch das bleibt flüchtige Vermutung, Projektion. "Öffne den Vorhang", schreit eine Darstellerin der Regisseurin ins Off zu. "Nein", antwortet diese, weil sie sie schützen wolle. Sie könne sich selber schützen, ruft jene zurück. Die Szene stellt aus, wie vorsichtig und reflektiert Helena Waldmann sich an das Thema der fremden Kultur herangewagt hat, aber auch wie schwierig es ist, dabei weder dem Effekt des Exotischen zu verfallen noch die eigene Perspektive dem Anderen überzustülpen. Niemand will
denn auch mit ins enge Zelt, aus dessen Öffnung kurz sechs Gesichter blicken. Da geht der Reissverschluss wieder zu. Wir bleiben draussen und erkennen weiter nur Konturen, bis wir zum Epilog hinter den Vorhang gebeten werden - allerdings, für
einmal, nur die Frauen.
Neue Zürcher Zeitung, Christina Thurner 20./21.8.2005

"I ASKED: HOW ARE WE?"
Helena Waldmann, born in 1962, is a freelance director and choreographer. She has worked with Heiner Müller, George Tabori, Gerhard Bohner, among others. Last year she became the first female director from the West to be invited to work in Iran. Here she talks about her collaboration with the Iranian actresses, and what goes one behind closed doors.
"Please God, come back from holiday"
An interview with Helena Waldmann on "Letters from Tentland"

Frankfurter Rundschau: A German director who works in Iran – that's so unusual that I have to ask: how much previous knowledge did you have when you went?

Helena Waldmann: None. This is how I came to Iran: we wanted to send the MS Studnitz, that's a big culture ship that's anchored in Rostock, to the Orient. We developed concepts, I had some ideas for performances. During the Theatertreffen in Berlin last year, I met the Director of the Dramatic Arts Centre in Tehran, and I told him what I was planning to do on this ship and asked if he could imagine it coming to Iran, to the coastal cities. He seemed to like the concept. Then I was invited to give a workshop in Tehran. I wondered: how do the people live? How is the theatre? What is culture in that country? I read books but I needed more help so I went to Tehran. It's a country behind walls, behind veils; reading the papers from start to finish doesn't help much.

So you did the workshop.

We discovered that we could work well together and we didn't want to just leave it at that.

How did the Iranians come to your workshop? Did they have to apply?

The director of the Dramatic Arts Centre said: these are the best ones. I thought: Oh no. (laughs) That was of course a personal decision of his, other Iranian actors are just as good. After the parliamentary elections, the director was replaced. The new bosses knew nothing of the whole story.

How did the Iranian artists respond to your way of working?

In Iran, nobody uses a performative approach. It's true there are two young directors who work differently, but most plays are based strongly on texts, have almost no movement, are basically bodyless. Someone sits at a table and talks, talks, talks. Theatre plays a major role in this country, it's a mouthpiece that can be used to express opinions in a subtle way, a bit reminiscent of how it was in the GDR.

But presumably there's also a censor. How does that work?

Normally it works so: if someone wants to stage a play, they send in their text. That wasn't possible with Tentland because there was no text. For Iranian directors, it's enough to say, for example: I'm taking Shakespeare, Hamlet. And if the censors find that Shakespeare's Hamlet is a good play, they'll approve it. We staged the play in Germany, so the censors saw it for the first time one day before the premiere. In my case, there were two censors. They had a look at it and took certain things out, for instance a dance that's projected on a tent – actually it's just a shadow dance, very gentle, one sees no skin, nothing. But we could only project it as a still image. If there's no movement, it's allowed. And we had to take the solo voice of a woman out, female solos are prohibited. The next day, it was more intense; there were nine censors. The top cheeses. Two hours before the premiere, they wanted to see the whole play, and we had to answer many questions – such as whether we would have staged it that way in other countries. The internationality was very important to them.

Something special about the play is that, at the end, women from the audience are invited to come on the stage.

Yes, and the censors couldn't know what we were doing, because the censors are all men. So they wanted us to can it. But luckily, my assistant,who is a very famous actor in Iran, prevented them by having an outburst – crying and screaming, really! And she said they couldn't tell me to take that part out.

When did you have the idea for the tents for "Letters from Tentland"?

Actually the first time I was in Tehran. I was surprised by how many tents there were on the side of the street. There was at the time a campaign against mice; people sat in front of the tents and gave out information on how to drive a mouse out of a house. There's a tent in the city for every single situation. But I didn't dare to constantly use tents during the workshop and only decided to do it at the last moment – the actors thought I was nuts. But it worked. On the one hand, one felt the extreme handicap, one had to develop a particular way of acting with the tent; on the other hand it was very funny. The tents are clumsy, like Barbapapa. We laughed till we cried, in both senses; we also played a death scene, something very serious, and it worked.

How was working with the actors?

I was not interested in going there and teaching them something, I wanted an exchange. The women were asked to write "letters" – hence "Letters from Tentland". And the first letter that they wrote was addressed to God. You'd have to wait a long time for that in Germany. They wrote: "Please God, come back from holiday". The sentence is in the play, because it's a very nice way of expressing abandonment and fear. The women could be very honest, the doors were closed behind us. We were on our own and could improvise a lot.

Was there trust from the very beginning?

At the beginning there was a lot of competition between the actors, because there's an incredible amount of aggression in Tehran, like on the streets: the smallest space will be used, even if it doesn't help. It might be that they get somewhere a bit faster. But in the course of time, the group came together. A very important theme was prejudice. They said to me: you're not at all the way "they" are. And I asked: how are "they"? Then one actress said: harsh, super strict, totally precise, not funny at all. And of course I brought a bunch of prejudices with me to Iran: the women are suppressed, they have to submit to these clothing rules .... And they said: The veil is not our main problem, there are much worse ones. You notice that it's not easy to live in this country – at the same time, the women are incredibly happy. They just live in two worlds: internal and external. And as soon as they leave the external one, they show an incredible joy of life – and they do as they wish. In Iran, there's everything – you just don't see it all.
Frankfurter Rundschau, Sylvia Staude 12.10.2005

DAS WUNDER VON TSCHADORISTAN
Wenn die iranischen Zensoren unangemeldet im Theater erscheinen, ist auch eine freie Gastchoreografin aus Deutschland der Willkür diktatorischer Kunstkontrolle ausgeliefert. Helena Waldmanns neues Stück hatte bereits seine Teheraner Generalprobe in Anwesenheit der zwei üblichen Tugendwächter überstanden, da tauchten wenige Stunden vor der Premiere acht bärtige Herren auf, um ein weiteres Defilee der tanzenden Zelte zu fordern. Seit der islamischen Revolution 1979 ist Tanz in Iran eigentlich tabu. »Rhythmische Bewegung« lautetet der politisch korrekte Terminus für das, was auf der Bühne noch stattfinden darf – und wer Waldmanns abstraktes Bildertheater kennt, der begreift die schwierige Aufgabe der Zensoren. Sollten sie die schwankenden, kreiselnden, sich überkugelnden Zelte als Tanz verbieten oder als Bewegung akzeptieren? Diktatur beruht ja auch auf willkürlicher Auslegung vermeintlich strenger Regeln. Es muss für das Ensemble eine Situation gewesen sein wie in Kafkas Erzählung Vor dem Gesetz: Da verwehrt ein Türhüter einem Bittsteller den Einlass »in das Gesetz«. Der Bittsteller aber grübelt bis an sein Lebensende vergeblich über die richtige Formel, um Zutritt zu erlangen.

Helena Waldmann hat die erlösenden Worte im Januar 2005 gefunden. Als die acht Türhüter nach der Vorstellung stumm das Theater verlassen wollten, lief sie ihnen nach und überwand – aus Angst um ihre in monatelangen Proben, bei 40 Grad Hitze erarbeiteten und unter wechselnden Kulturbeamten durchgeboxten Letters from Tentland – die Schwelle der demutsvollen Zurückhaltung. Ob das Stück ihnen gefallen habe, fragte sie die Zensoren. Da brachten die vor Schreck keinen zusammenhängenden Urteilsspruch heraus. Vielleicht hatten sie vorab schon beschlossen, den Eröffnungsbeitrag des größten Theaterfestivals im Nahen Osten, des Fadjr 2005, milde zu beurteilen. Waldmann vermutet, dass die Auguren deshalb so zahlreich erschienen, um sich gegeneinander abzusichern – damit keiner den anderen nach Bewilligung des heiklen Spektakels ins Gefängnis bringen konnte.

Letters from Tentland ( »Briefe aus Zeltland«) war das erste von einer ausländischen Choreografin in Iran inszenierte Stück seit über dreißig Jahren: ein politisches Ereignis gegen alle Wahrscheinlichkeit. Denn im Persischen steht das Wort Tschador auch für Zelt, und man müsste sich blind stellen, um die Analogie zwischen den pyramidenförmigen Bühnengeschöpfen und den glaubensstrengen Iranerinnen in ihren dunklen Umhängen nicht zu bemerken. Wenn die Zelte mit offenem Visier auf das Publikum zukommen, wirken sie wie wandelnde Gefängnisse. Das Stück ist aber keine Agitprop-Choreografie, sondern eine Meditation über die Dialektik des Verbergens und Enthüllens. Am Anfang stehen die Zelte stumm hinter einem Eisernen Vorhang aus weitmaschigem Kettenhemdgewebe. Wie Wächter, die zugleich Gefangene sind, bilden sie eine geschlossene Reihe, die von einem einzelnen Zelt durchbrochen wird. »Könnt ihr mich sehen?«, ruft es dem Publikum zu. »Ich bin eine Projektion meiner Regisseurin!« Vielleicht haben die Zensoren Letters from Tentland auch deshalb durchgehen lassen, weil Waldmann ihre Islamismus-Kritik nicht zur Affirmation des eigenen Gesellschaftsmodells missbrauchte.
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Helena Waldmann, Jahrgang 1962, eine der wildesten und zugleich formstrengsten Choreografinnen der Gegenwart, hat auf Einladung des Dramatic Arts Center Teheran das gefährliche Terrain der Gesinnungsdiktatur betreten. Kurz vor ihrer Premiere waren im Süden Irans ein Bürgermeister und ein Festivalkurator inhaftiert worden, weil sie ein sittenwidriges armenisches Gastspiel verschuldet hatten. Die Frage, ob sie Angst um ihre persönliche Sicherheit gehabt habe, weist Waldmann lachend zurück. Die ständige Gefährdung, die in Ländern wie Iran angeblich herrscht, gehört zu jenen Medien-Klischees, die ihr, seit sie wieder zu Hause in Berlin ist, aus jeder Zeitung entgegenschreien, und ganz ungeeignet seien, das Leben in Iran zu beschreiben. »Der Tschador«, sagt sie, »ist das Oberklischee.« Die Allerweltsmetapher, die uns eine intensivere Beschäftigung mit dem Islam erspart. Der wohlfeile Beweis für die Überlegenheit des Westens. Nach dem Fadjr-Festival tourte Waldmann mit ihren sechs Tänzerinnen durch Westeuropa, nach Brasilien und Seoul. Wenn sie Ende Oktober in Deutschland gastiert und die Iranerinnen das weibliche Publikum nach der Aufführung zu einem gemeinsamen Tee hinter den Vorhang bitten, kann man erleben, wie Kunst Bewegung in die Kopftuchdebatte bringt.

Letters from Tentland könnten ein Klassiker der Tanzgeschichte werden wie Oskar Schlemmers Bauhaustänze. Die Choreografin, die ursprünglich Bühnenbildnerin werden wollte, hat ihr Handwerk unter anderem bei Heiner Müller und dem Tanzminimalisten Gerhard Bohner gelernt. »Extreme Räume« sind ihr Markenzeichen, und ihre Methode besteht darin, die Theaterelemente Körper, Stimme, Architektur, Musik, Video und Licht auseinander zu deklinieren und sie zu überraschenden, surrealen Szenarien zusammenzusetzen. Seit ihrem ersten internationalen Erfolg 1993 mit Krankheit Tod hat sie vor allem das Potenzial von Vorhängen, Trennwänden, Gazefenstern und Überblendungen erforscht. »Doch auf einmal komme ich in ein Land, wo die Schleier nicht erfunden werden müssen.«

Iran sei ein ein Land, »wo es zwar Millionen Regeln gibt, von denen aber keine einzige mehr befolgt wird«. Da lebten die jungen Leute via Satellit in der internationalen Popkultur, aber bei ihren Hochzeiten müssten Männer und Frauen getrennt feiern. Da gebe es in der U-Bahn separate Abteile, aber im Sammeltaxi hockten alle dicht beieinander. Eine ihrer Tänzerinnen sei mal aus dem Taxi geworfen worden, nachdem ein fremder Mann sie begrabscht hätte – als das Mädchen sich wehrte, log er dreist, er suche nur seinen Schirm! »Ich habe mich oft geärgert«, sagt Waldmann, »dass sogar meine Frauen mich schamlos belogen. Bis ich verstand, dass man in Iran lügen muss, weil man niemandem trauen kann.« Von solchen Überlebenslügen handelt auch ihr Stück, von den Gruppenzwängen, die der Mensch, egal welcher Nationalität, nur schwer überwindet. Es zeigt, dass wir Menschen aus unserer Haut genauso wenig herauskönnen wie die Zelte. Sie verbeugen, verbiegen, verstecken sich zwar auf sehr menschliche Weise, sie umschleichen, umarmen, verschlingen einander und bleiben doch Alien-hafte Bewohner von Waldmanns Tschadoristan. Ihr Verhalten konterkariert die Verhältnisse. Die Ausdrucksvielfalt der Körper steht in grotesken Kontrast zur Normierung der inneren Natur des Menschen. Waldmanns Kunst ist, diesen Kontrast humorvoll zu tanzen. Wenn die Zelte, vorm Hintergrund des Teheraner Stadtpanoramas, überstrahlt vom Licht des schneebedeckten Elbrus-Gebirges, in eine Art Breakdance-Ekstase verfallen, dann entlädt sich der ungestillte Freiheitsdrang der gesamten Menschheit in einem seltsam schönen Theatermoment.

Die Idee zum Stück, sagt Helena Waldmann, sei ihr bereits am ersten Tag im südlichen Teil Teherans gekommen, als sie sich zwischen lauter verhüllten Frauen fühlte »wie auf einem wandelnden Campingplatz«. Es dauerte dann noch Wochen, bis sie wagte, ihre Schauspielerinnen zu bitten, in ein Zelt zu schlüpfen. Körpersprache sei ja aus der iranischen Bühnenkunst nahezu verbannt. »Von zehn Stücken finden mindestens sechs an Tischen statt.« Das iranische Theater muss unter ästhetischen Gesichtspunkten ähnlich enttäuschend sein wie die iranischen Städte. »Man sieht überhaupt keinen Orient, alles wirkt hingeschustert.« Es sei einfach unschön, sehr im Gegensatz zu den Menschen. Für sie reimportiert Waldmann nun ein bisschen postmodern verfremdete altpersische Poesie. Zu Versen des Dichters Nizam tanzt das rote Zelt ein Solo, während die Lobpreisungen aus dem Jahr 1197 als Schriftornamente über die Leinwand flackern: »Der Vorstellung ist dein Palast entrückt … nur du, oh Gott, kannst unsern Zustand ständig wenden.«

Helena Waldmann hat sich die Rolle des Zustandsveränderers angemaßt, darum wird Letters from Tentland in Iran wohl doch nicht mehr gespielt werden. Die geplanten Aufführungen im vergangenen Frühjahr wurden zwar nicht offiziell abgesagt, fielen aber trotzdem aus. Beim Gastspiel in Seoul waren neulich sogar die Türhüter wieder da, drei streng verhüllte Damen von der iranischen Botschaft. Waldmann hofft insgeheim, die Schwelle noch einmal zu übertreten.

Gastspiele im Oktober: 18., 19. Schaubühne Berlin; 21., 22. Tanzhaus NRW; 25. Bielefeld; 28.–30. Mousonturm Frankfurt a. M. November: 8. Lörrach; 13., 14. Ludwigshafen. Hintergründe des Stücks beleuchtet der erste Band der Reihe TanzScripte: »Letters from Tentland«; hrsg. von Susanne Vincenz; erschienen im transcript Verlag, Bielefeld 2005; 122 S., 14,80 €
Die ZEIT, Evelyn Finger 13.10.2005

VERDECKTE ERMITTLUNGEN
Frauen dürfen im Iran nicht öffentlich tanzen. Wie die Choreografin Helena Waldmann mit dem Verbot spielt

Der Brief kam aus Teheran. Er erreichte Helena Waldmann in Salvador de Bahia, wo sie gerade an einem Stück arbeitete. Das Schreiben war eine Einladung: Die Regisseurin, die für ihre ungewöhnlichen Aufführungen im Grenzbereich von Tanz und Theater bekannt ist und einmal über die Idee einer Theaterkarawane zwischen Orient und Okzident fantasiert hatte, sollte einen Workshop in Teheran geben. Sie sagte zu. Da wusste sie noch nicht, was sie erwartet. Sie wusste nur: Im Iran ist den Frauen das Tanzen in der Öffentlichkeit verboten. Es gibt nicht einmal ein Wort dafür. Offiziell ist nur von "rhythmischer Bewegung" die Rede. "Das war natürlich ein Aspekt, der mich extrem gereizt hat", erklärt Waldmann lächelnd.

Bei dem Workshop blieb es nicht. Die Berlinerin ist die erste deutsche Choreografin, die ein Stück im Iran erarbeitet hat. "Letters from Tentland" heißt es und ist nicht nur ein Politikum, sondern vor allem ein exzeptionelles Theaterereignis. Die Karawane, von der Helena Waldmann träumte, ist wirklich losgezogen. Auf internationalen Festivals gefeiert, macht sie nun an zwei Abenden an der Berliner Schaubühne Halt. Es war ein weiter Weg.

Der europäische Blick auf den Orient ist meist vom Schleier und dem Geheimnis - oder erotischen Versprechen - gefesselt, das ihn umgibt. Doch Helena Waldmann weist auch den aufgeklärten Enthüllungsgestus zurück. Sie zeigt uns nicht die Welt hinterm Schleier. Stattdessen betätigt sie sich als raffinierte Verpackungskünstlerin - und als verdeckte Ermittlerin. Geprobt wurde hinter verschlossenen Türen - davor warteten die Zensoren. Waldmann ermutigte die Darstellerinnen, sich nicht vorschnell selbst zu zensieren und auszuprobieren, was möglich ist. Und war dann von deren Erfindungsgeist verblüfft. "Sie arbeiten permanent daran, die Grenzen des Möglichen zu erweitern", weiß Waldmann.

Im Stadtbild von Teheran waren der Regisseurin die kleinen Zelte aufgefallen, angeregt durch dieses objet trouvé bittet sie die Darstellerinnen, in Zelte zu schlüpfen. "Zunächst schlugen alle die Hände über dem Kopf zusammen", erzählt die Regisseurin. "Helena, das geht nicht!", protestierten die Akteurinnen. Doch sie insistierte und schuf eine Versuchsanordnung, die konsequent ausgereizt wird. Denn raus dürfen die Frauen nicht, bis zum Schluss lüften sie ihre Identität nicht. Eine Herausforderung: Die Darstellerinnen mussten nicht nur ausprobieren, wie man sich in den "mobilen Räumen", bewegen kann, sie mussten vor allem lernen, mit der Beengung kreativ umzugehen. "Wir mussten ein neues Theateralphabet lernen", sagt die Regisseurin. So entfaltet das Zelt-Experiment auf der Bühne seinen eigenen Reiz. Sechs Stoffgehäuse stehen zu Beginn aufgereiht an der Rampe wie eine kleine Festung - aus kleinen Gitterfenstern blicken dunkle Augenpaare.

Am Ende steht nur noch ein schwarzes Zelt da, das alle anderen verschluckt hat. Ein eigenartiger Tanz ist dem vorausgegangen, die luftigen Stoffhüllen schweben, schwanken und überschlagen sich, sie stehen Kopf, und immer mal tanzt eins aus der Reihe. Die Stimmen und Zeichen, die aus dem Innern dringen, lassen sich nicht gleich deuten. Es sind - wie der Titel sagt - "Briefe" aus einem rätselhaften Land, deren Botschaften man erst entschlüsseln muss. Man sieht sich mit einer Kultur konfrontiert, die für westliche Betrachter nicht unmittelbar lesbar ist. Mehr noch: Die Absenderinnen dieser Briefe bleiben bis zuletzt unsichtbar. So schafft Waldmann ein treffendes Bild für die Situation der Frauen unterm Mullah- Regime.

Die Konstruktion von Blicken ist zentral für Helena Waldmanns Inszenierungen. Insofern sind die "Letters from Tentland" für sie eine logische Fortsetzung ihrer bisherigen Arbeit. "Ich habe schon oft Darsteller eingesperrt, hinter Spiegeln und Plastikfolien verborgen oder zu zweidimensionalen Figuren zusammengedrückt. Dass ich die Frauen nun in Zelte gesteckt habe, ist nicht nur ein ästhetischer Trick, sondern ein Mittel, um etwas aufsprengen, um Dinge auszusprechen, die ich sonst nicht hätte sagen können."

Im Schutz der Anonymität lässt sich Klartext reden. "Die Zelte sind wie Briefumschläge, womit die Darstellerinnen sie füllen, blieb ihnen überlassen", erklärt die Regisseurin, die zur stellvertretenden Machtinstanz wird, zum Regime an Stelle des Regimes: Sie ändere ständig die Regeln, nach denen sie agieren müssen, sagen die Frauen. Und indem die Choreografin sie in Zelte verbanne (das Wort "Tschador" bezeichnet im Persischen sowohl das Zelt als auch den Schleier), verhülle sie sie gleichsam ein zweites Mal. Was sich in dieser verborgenen Welt abspielt, entzieht sich unserer Wahrnehmung. Aber wir erfahren, wie die Frauen sich mit List und Fantasie gegen das Unsichtbar-Sein wehren. Und dass sich ihre Tanzlust, ihre Ausdruckswut nicht bändigen lässt.

"Letters from Tentland" wurde zum Wendepunkt in Waldmanns künstlerischer Biografie. "Durch die Arbeit habe ich nicht nur einen tiefen Einblick in eine total fremde Kultur bekommen, ich habe auch neue künstlerische Perspektiven gewonnen", erklärt die Regisseurin.

Jedenfalls hat sie sich damit für schwierige Jobs im Parcours des internationalen Kulturaustauschs qualifiziert. Der führte sie im Mai 2005 nach Ramallah, wo sie im Auftrag des Goethe-Instituts mit der palästinensischen El-Fonoun Dance Troup einen Tanzdokumentarfilm drehte: "Emotional Rescue". Wieder war die Regisseurin ohne fertiges Konzept angereist. Den Darstellern sagte sie: "Ich möchte ein Stück mit euren Geschichten machen." Die kreisen alle um das Thema Besatzung und Unterdrückung, so dass die Regisseurin erneut eine Sprache dafür finden musste, eingesperrt zu sein. "Es sind Geschichten von Behinderung und Nicht-Bewegung, von totalem Stillstand und Hoffnungslosigkeit", sagt Waldmann.

Doch ihre Figuren tanzen. Es ist der Traum von Freiheit, der zum Movens wird, und so einfach wie wahr: Fantasie kann man nicht einsperren. In "Letters from Tentland" ist einmal ein tanzender Schatten zu erkennen, wie ein fernes Echo dringt ein betörender Gesang ans Ohr.

"Letters from Tentland": 18. und 19. Oktober, 20 Uhr in der Schaubühne.
DER TAGESSPIEGEL, Sandra Luzina 18.10.2005

ZELTE DER WOLLUST
Ob Waldmann ihre Darstellerinnen von ihrem Leben reden lässt, ob Videoprojektionen über die Bühne laufen oder immer wieder ein Vorhang zwischen Bühne und Publikum fällt: Waldmanns Bildertheater gelingt der Spagat zwischen Kritik und Verständnis, zwischen Deutschland und Iran mit seltener Ausdrucksstärke und Sicherheit.
Gesa Pölert, Rheinische Post 24.10.2005

AUFBRUCH AUS DEM ZELT
Es sind ausnahmslos starke Bilder, die die Choreographin Helena Waldmann in ihrem Stück mit einer überaus trickreichen und verstörenden Metapher erzeugt. Denn die iranischen Tänzerinnen stecken in birnenförmigen, verschiedenfarbigen Faltzelten; ein furioser Kunstgriff!
Eva Britsch, Neue Westfälische 27.10.2005

BEHIND THE TENT
As the lights go down at the sold-out Tanzhaus in Düsseldorf, a friendly voice announces in German, "From my recent trip to Iran, I've brought back a few mementos to show you. The tents." A slide show appears on the stage curtain, showing images of nylon tents pitched on roadsides, on beaches, and outside mosques; families cooking outside tents, children playing in
tents, tent flaps closing to the photographer.
The voice belongs to Helena Waldmann, forty-three, a name in Germany¹s experimental theatre and dance scene. Last year, Waldmann was invited by the director of the Dramatic Arts Centre in Tehran to give a workshop there.
She didn't know much about the arts in Iran - that dance has been forbidden since the revolution in 1979, or that no Western woman had ever before been asked to work in an Iranian theatre.
On arrival, Waldmann was given rehearsal space on the seventh floor of the arts centre. The director presented her with fourteen of Iran's top actresses, the closest thing to dancers he could offer. In lieu of dance, the Islamic Republic permits "rhythmic movement" - variations on folk dances in which contact between men and women, exposure of the female body, and provocative positions (as defined by a censor) are forbidden. But Waldmann was not interested in folk dance. With the door closed behind them and uniformed men standing guard outside, she asked the
women to line up along a wall-length window and, facing their city, to compose a letter to someone who was important to them. The first woman began her letter with "Dear God," then the others continued until they had drafted a collective plea that culminated with "Please God, come back from holiday." Waldmann had her motif. Beyond the guarded doors, expressing such thoughts was proscribed. When the ten-day workshop concluded, the group had come up with something that, in Waldmann's view, was worthy of a performance. "Letters from Tentland" opened the International Fadjr Theatre Festival in Tehran in January 2005, then toured Brazil and South Korea, before making its way to
Europe and tonight, Düsseldorf.
The curtain rises to reveal six pyramid-shaped tents in yellow, white, rust, beige, red, and dark blue on the darkened stage. A lamp lights up inside one and silhouetted fingers begin to snap. A maraca responds from another tent, then both are joined by clucking from a third tent and trilling from a fourth. The chorus ends with a proclamation: "I act in the spirit of mydirector." Absolved of responsibility for what may come, the tents begin to
move. For a good hour, they rock, run, twirl, roll, leap, cartwheel, and flap. Some attack, others submit; some cling together, others lurk on the margins. Their contents remain hidden, though occasionally a bare arm reaches out to grab, pull, or resist another tent. Through small, screened windows, figures in glittering pyjama-like outfits can be glimpsed now and again.
When the women finally position their faces squarely in the tent windows and stare out into the audience, Waldmann's metaphor becomes clear (chador in Farsi means both tent and veil).
As they move, video images of life in Tehran are projected onto the tents. Persian surtitles race from right to left as translations run in the opposite direction. At one point, a white shadow dances across the tents to the haunting sound of a woman singing alone. The rest of the music is instrumental, oriental, sampled.
Throughout, the tents carry on a dialogue with their director and the audience. Beige says, "We are protected. Our privilege is not to be identified. Your problem is how to identify us." Red, after whirling around the stage, yells, breathless, "I hate the skin of this tent. It makes me sick to touch it. I even hurt myself, punish myself in this tent. It's suffocating me." Blue says, exasperated, "You change the rules every day! Shall I dance? Yesterday no, today yes. I'll stay in my tent, I'll do my own theatre." And all the tents stand on their heads. At the end, only the dark blue tent remains; it has swallowed the others. The tent fly opens and a young woman looks at the audience with an expression of blank curiosity. She speaks in Farsi and waits, then translates: "Voulez vous visiter ma tente?" There's an awkward stillness. The tent fly opens further and the faces of the other women appear. "Please, come and visit our tent!," one of the women beckons. In Brazil, the actresses later tell me, women stormed the tent, crowding in
to complain about the pressure they feel to expose their bodies. In South Korea, no one budged. Here in Düsseldorf, the heart of Germany's extroverted Rheinland, a man strides confidently onto the stage. After some scrambling, he is granted entrance and the zipper closes behind him.
Helena Waldmann cheers loudly from the back of the theatre.
During rehearsals in Iran, the censors had come and gone, a silent presence at the back of the hall. Waldmann assumed she was on safe ground until the dress rehearsal, one day before the festival opening, when eight bearded men appeared. As they conferred afterward, Waldmann, unable to bear the suspense, walked up and asked what they thought. Why tents, they wanted to know. A new dance began. Waldmann described with wonderment her first impression of Tehran. Nomads, victims of the Bam earthquake, people offering provisional services - all living in or working out of tents. The censors accepted this explanation, but had two definite objections to the performance: the singing (Iranian law prohibits women from singing alone)
and the tight clothing and erotic movements of the dancing shadow. Waldmann was able to negotiate twenty seconds of singing, then, to fix the projection, had her video artist spend the night at the computer dressing the shape in pyjamas and making its movements jerkier more in the limbs, less in the chest and hips. The next evening, Tehran saw a slightly clumsy digital shadow instead.
The actresses know that the Iran they will return to would not have tolerated their show. Since the "Letters from Tentland" tour began, the country has elected a new, conservative president and the director of the Dramatic Arts Centre has been fired. Some speculate quietly about the possibility of landing in jail when they go back. Sara Reyhani, twenty-five, takes long drags of a cigarette. "In Iran," she says, "we lead two lives, one inside and one outside. Here in Europe, it's all outside. The freedom you have here is probably more natural. But maybe the hardship we suffer in Iran makes us focus on the important things." She looks down, admiring the cowboy boots she bought earlier that day.
Later that night, Reyhani and some of the other actresses go out on the town. They walk through the streets of Düsseldorf in the rain, stopping at a snack bar to eat German fries and watch all the people. It's past midnight and they are outside.
Naomi Buck Febr 2006 Buck is a Toronto-born writer who lives in Berlin. She is the editor of the online magazine signandsight.com.

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