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zur Startseite (ecotopia dance productions: Pressestimmen Sao Paulo Dance Company - Tour 2013)

SAO PAULO DANCE COMPANY

PRESSESTIMMEN

ELEKTRISIERENDES SPIEL DER KÖRPER
Jubel im Schlosstheater. Einmal mehr begeisterte eine außergewöhnliche Tanzgruppe das Fuldaer Ballett-Publikum: Aus Brasilien kommend, machte die São Paulo Companhia de Dança auf ihrer Deutschlandtournee mit einem abwechslungsreichen dreiteiligen Programm Halt in der Barockstadt.
Das erst 2008 gegründete Ensemble unter der künstlerischen Leitung von Ines Bogea hat sich in den wenigen Jahren seines Bestehens auch international einen beachtlichen Ruf erworben – nicht zuletzt dank seiner Offenheit den unterschiedlichsten choreographischen Handschriften gegenüber. Klassik und Moderne haben im Repertoire der Comphania ihren Platz. Dazu kommt ein auf klassischer Ballettausbildung aufbauendes tänzerisches Können gepaart mit einer Leidenschaft, die den jungen Brasilianern im Blut zu liegen scheint.
Genau mit dieser Mischung nahm die 15-köpfige Gruppe am Samstagabend auch das Fuldaer Publikum für sich ein. Die drei Stücke aus dem internationalen Tanz-Oeuvre hätten nicht besser gewählt sein können, um die tänzerische Wandlungsfähigkeit der Tänzer unter Beweis zu stellen. (…)
Erika Dingeldey, Fuldaer Zeitung, 29.4.2013

SUPERNOVA AM DUNKLEN TANZHIMMEL
Die São Paulo Companhia de Dança in Ludwigsburg
Ludwigsburg – Man reibt sich die Augen im Ludwigsburger Forum am Schlosspark: Da knistert jene Spannung auf der Bühne, die einst das Nederlands Dans Theater (NDT), das Aterballetto oder die spanische Com- pania Nacional in den 80er-, 90er- Jahren nach Deutschland brachten. All diese großen Kompanien des modernen europäischen Balletts sind ein wenig müde geworden oder haben ihr Programm komplett neu orientiert. Da stößt hier eine junge, rasante Truppe in die Lücke, die im brasilianischen São Paulo, der größten Stadt der südlichen Erdhalbkugel, in nur fünf Jahren aufgebaut wurde. Praktisch alle großen Kompanien der Welt haben brasilianische Tänzerstars in ihren reihen (Stuttgart hatte mit Marcia Haydée die beste von allen), nur in Brasilien selbst gibt es für diese vielen Talente kaum Arbeit. Im Land von Samba und Fußball existieren zwar viele zeitgenössische Tanzkompanien, das moder-
ne Ballett aber war praktisch kaum vorhanden. Deshalb gründete das Kultusministerium des Bundeslandes São Paulo hochoffiziell eine neue Kompanie: An der Schnittstelle zwischen der Neoklassik des 20. Jahrhunderts und der landeseigenen Kreativität sucht nun die São Paulo Companhia de Dança die Verbindungen zwischen brasilianischem Erbe und internationaler Moderne. Diego de Paula zum Beispiel, ehemals ein eher lyrischer Solist in Birgit Keils Karlsruher Staatsballett, überrascht hier als geschmeidiger Spezialist für düstere Solos, mit der geheimnisvollen Ana Paula Camargo tanzt die Schwester des Stuttgarter Jungstars Daniel Camargo in der 22-köpfigen Kompanie.
Wie stark das NDT und sein Direktor Jirí Kylián das moderne Ballett beeinflusst haben, wurde in den ersten beiden Stücken deutlich, die ganz von Kyliáns fließender Eleganz durchdrungen sind. In sinnlichen Akzenten ließ Rodrigo Pederneiras in „Bachiana N. 1“ das brasilianische Rhythmusgefühl durch die Bach-Hommage von Heitor Villa-Lobos pulsieren. Im atmosphärischen „Gna- wa“, einem nächtlichen Tanz an den murmelnden Küsten des Mittelmeers, flammte die ganze frühere Originalität des Spaniers Nacho Duato auf, den gerade keiner mehr so recht lieb haben will, seit er in Berlin als Nachfolger von Vladimir Malakhov beim Staatsballett angekündigt wurde.
Der Höhepunkt des Abends aber war „Supernova“ von Marco Goecke, sicher eines der besten Werke des Stuttgarter Hauschoreografen, brillant und geschmeidig interpretiert von den Brasilianern. Nervös wie immer und doch mit einer trance-artigen Virtuosität tanzt das Stück auf den Synkopen der Jazzmusik dahin, weißes Pulver explodiert in weiten Umlaufbahnen aus den Händen der Tänzer, und kleine Rauchwölkchen bleiben hinter ihnen im Dunkel zurück. Die Vielzahl der neuen Bewegungen, die Goecke für ein einziges Stück einfallen, so hypnotisch in ihrer flirrenden Schnelligkeit wie überwältigend in ihrer Musikalität, finden manche seiner Kollegen in ihrem ganzen Lebenswerk nicht. Noch immer verstört sein völlig anderer Stil viele Zuschauer und ist doch von genau der revolutionären Kraft, wie sie William Forsythe in den 80er-Jahren von Stuttgart aus in die Welt hinaustrug.
Angela Reinhardt, Esslinger Zeitung, 25.April 2013

SINNLICH, UNRUHIG UND WIDERSTÄNDIG
Hautfarbene, knielang schwingende Lagenkleider und dazu ein origineller, weil ganz am Oberkopf gebundener Dutt. Über diese scheinbare Nebensächlichkeit sinniert man auch irgendwann, während man beeindruckt der Choreografie von Rodrigo Pederneiras im Heizkraftwerk Nord/Süd des VW-Standortes Wolfsburg folgt. Das monumentale Industriebauwerk mit seinen hohen, aufgerissenen Mauerwänden und Stahlträgern beherbergt seit 2003 unter dem Aufruf „Movimentos“ den Tanz. Die Festwochen der Autostadt bilden ein finanzstarkes, ehrgeiziges Festival, das für die Menschen in der Region auf dem Weltmarkt der Tanzkompanien und Choreografen abgreift, was zu den Spitzenprodukten gehört und diese als ebensolche bestätigt. Wertvoll für den Zuschauer daran ist, kurz nacheinander schlichtweg in verschiedene Ensembles, ihre Eigenarten und ihren Esprit hineinspüren zu können, ohne für viel Geld teuer durch die Welt reisen zu müssen. Und das macht bei der erst seit fünf Jahren bestehenden Sao Paulo Companhia de Danza aus Brasilien besonders viel Freude.

Die schwingenden Kleider, kreiert von Maria Luiza Malheiros, gehören zu dem vor einem Jahr uraufgeführten und nun erstmals in Europa zu sehenden „Bachiana No. 1“ auf Musik des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos. Rodrigo Pederneiras, in Wolfsburg bestens bekannt als Choreograf der Grupo Corpo, verlangt seinen strahlenden, vitalen Tänzern viel ab. Eine präzise ausgeführte, schnelle Beinarbeit ist hier aus den Impulsen der Musik heraus gefragt. Rasante Schritt- und Richtungswechsel, Minisprünge und Fokuswechsel, alles bei aufgerichteter Achse, auf kleinem Raum um den Körper und dabei lange Bahnen überdie Bühne querend. Oft liegen die Arme lang nach unten am Körper, um das Bewegungsereignis der Fuß- und Beinarbeit auf Musik noch mehr zum Ausdruck kommen zu lassen, oder nur ein Arm wird parallel in Bewegung gebracht.

Die Körper - und Bewegungschoreografie ist nicht reduziert, sondern wirkt durch ihre Ausgewogenheit und die raffinierte Schlichtheit ihrer Bewegungsmittel. Sie spiegelt das Wissen eines seit über dreissig Jahre für den Tanz arbeitenden Mannes um das richtige Maß. Lockere Eleganz und authentische Sinnlichkeit entfalten sich und berühren im Innern. Denn Rodrigo schafft eine Körperstruktur im Raum, die unberechenbar scheint. Das macht das Stück meisterhaft. Es beginnt mit Paaren und kehrt immer wieder zu dieser Struktur zurück. Alle bewegen sich unterschiedlich, doch manchmal bewegen sich zwei Paare synchron, eines different. Dann sind alle Tänzer im Gleichschritt, und man wundert sich, wie man die Herstellung dieser Übereinkunft verpasst hat.

Aber das Auge konnte sich kaum entscheiden, wo es hängen bleiben sollte. Es ist angesichts der asymmetrischen Verteilung dieser gleichzeitigen oder sich voneinander unterscheidenden Bewegungsinseln herausgefordert. Diese Erfahrung macht man auch auf andere Weise mit dem für sich stehenden Pas de deux, getanzt von Karina Moreira und Joca Antunes. Pederneiras arbeitet hier mit dem Prinzip der Umkehrung: Jeder beispielsweise durch den Oberkörper konvex gestalteten Bewegungslinie folgt die konkave Entsprechung; startet die Bewegung mit einem schmalen Ronds de Jambe am Boden, wird sie in mehreren Schritten aufwärts geführt, bis sie in einer Handbewegung weit über dem Kopf ihren Höhepunkt findet, um dann wieder zurückgeführt zu werden.

Nicht Emotionalität treibt hier die Bewegungsführung an, sondern Musikalität und schlichtweg das Interesse an einem harmonischen, architektonischen Aufbau von Bewegungen vor allem aus Attituden, Passés und Pirouetten der Tänzerin im Arm ihres Partners. Jeder Inhalt ist hier der Form untergeordnet, so kommt man der Machart dieses Stückes im Stück auf die Schliche, während man sich der starken Hingabefähigkeit der Tänzer seelig ergibt.

Dieses hohe Niveau halten die Tänzer auch in den beiden weiteren Stücken des Abends: „Inquieto“, geschaffen von Henrique Rodovalho, der bereist 2010 als Choreogrfh der Quasar Companhia de Danza bei „Movimentos“ zu Gast war, und „Peekaboo“, eine Uraufführung von Meisterchoreograf Marco Goecke. Lustig ist, dass das, was „Inquieto“ zum Ausdruck bringen soll, weitaus stärker als Inhalt von Goeckes Stück ausgewiesen werden kann. Die dort feststellbare, existenzielle Lebensunruhe ist in Goeckes neuestem Werk wie so oft greifbar, während sie in „Inquieto“ irgendwo zwischen ewig lang über die Bühne gezogenen Schnüren verschwindet. Doch der Reihe nach.

Drei Tänzer stehen in jeansartigen Kostümen, lässig und cool gekleidet, nebeneinander vorne am Bühnenrand. Der linke lächelt und wird sich während des ganzen Stückes nicht bewegen. Als sich sein rechter Partner bewegt, schaut er nur kurz zu ihm, nimmt Kontakt auf. Nach kurzer Zeit beugt sich die Frau in der Mitte nach unten, zieht das Schnurende eines Seils wie von Zauberhand geführt nach oben und führt es als straffe Linie durch den Raum. Dies wiederholt sie annähernd zwanzig Mal bis der ganze dunkle Raum mal durchzogen ist wie ein Spinnennetz, dann wieder wieder wie ein abstraktes Gemälde.

Zunehmend füllt er sich zu einem geschmeidigen Electro-Soundtrack von Andre Abujama mit lauter Soli, deren Bewegungssprache schnörkellos dem modernen Mainstream zwar folgt, jedoch wegen der Idee von Folgerichtigkeit einer Bewegung – immer geht hier darum zu schauen, wo es die Bewegung noch hinführt – durchgehend lebendig bleibt. Tiefe, wenn auch nicht genug – denn dafür zieht es sich zu arg in die Länge und lässt zudem den dramaturgischen Klimax innerhalb des Stückes vermissen – erhält das Stück durch den Kniff, dass die wandernde Tänzerin ihr Seilende mit dem Anfang kurzschließt und in die Ausgangssituation zurückkehrt. Das volle Bild der Seile und Soli verschwindet im Dunkeln. Erneut stehen die drei da. Der linke lächelt. Fertig.

War das Geschehene eine Abbild einer vollen Welt um ihn, mit der man manchmal einfach nur noch so umgehen kann, dass man still stehen bleibt? War es seine Innenwelt? Ein Blick in seine Nervenbahnen? Man weiß es nicht. Was bleibt ist Unruhe. Thema und Titel des Stückes entfalten sich als Wirkung auf den Zuschauer. Auch spannend.

Fast zuhause fühlt man sich beim Anblick des neuen Goecke-Stückes, das die brasilianischen Tänzer perfekt umsetzen. Ein Solotänzer, dahinter jeweils einzeln und für sich stehend, die Gruppe, wie immer in schwarzen Hosen, die Männer mit einem breiten, silberfarbenen Bauchgürtel bestückt, die Damen wahlweise auch mit hellblauem Bustieroberteil mit hängenden Riemchen. Bis auf den Solotänzer vorne halten alle Melonen vor´s Gesicht, frei nach dem Kinderspiel „Kuckuck!“, bei dem man sich verbirgt und dann wiederentdecken lässt. Benjamins Britten „Simple Symphony“, ein rauh klingender finnischer Chor und das Thema Kindheit bilden den mentalen und thematischen Bezugsrahmen, aus dem Goecke seine Bewegungen modelliert.

Bemerkenswert: So präzise wie vielleicht noch nie geht Goeckes Choreografie in Korrespondenz mit der Musik. Weiterhin folgt er dabei seinen Grundinteressen: die Erforschung der Bewegungsmöglichkeiten des Körpers und damit dessen Formulierung: Rudern mit den Ellenbogen, Wedeln der Hände und der Fäuste, ruckelnde Richtungswechsel um jeweils 45 Grad, flinke, schnell geleistete Fußarbeit. Goeckes Körper faszinieren seit jeher, weil sie mehrfaches gleichzeitig Ausdruck bringen: die Geworfenheit des Menschen in sein körperliches Dasein, das grundsätzlich mit Leiden verbunden ist; die Verformungen, die die Seele durch die sozialen Zusammenhänge erlebt, denen der Mensch von Anfang an ausgesetzt ist; das Ausgeliefertsein des Tänzers, der dem Choreografen seinen Körper zur Verfügung stellt; schließlich das Ungebärdete, das Explodierend-Vitale, das Ausstellen dessen, was für Momente von niemandem beherrscht werden kann.

Erneut erlebt man frontal dem Zuschauer in die Augen sehende, atmende schnaufende, durchhaltende, zappelnde, wie schreiende, weil verformte, aber kraftvolle Körper mit einer widerständigen, sich behauptenden Seele. Kindheit als Spielzeit und als Angstzeit – davon zeichnet Goecke in „Peekaboo“ ein eindrucksvolles, vor jeder Darstellung davon rennendes Bild.
Alexandra Karabelas, www.tanznetz.de 19. 4. 2013

BESCHLEUNIGTE ZEITEN
Nach diesem Abend im Kraftwerk von Wolfsburg, im Rahmen des Festivals „Movimentos", kann man den glücklichen Eindruck haben: Was in Europa gerade eingerissen wird im Furor des Sparens, das entsteht wenigstens anderswo neu. 2008 erst wurde die Säo Paulo Companhia de Danca gegründet, vom Kulturministerium des brasilianischen Bundesstaates Säo Paulo; seitdem hat Ines Bogea, die offenbar so rege wie kundige künstlerische Leiterin des 24-köpfigen Ensembles, schon Werke von vielen Großen
der Tanzgeschichte einkaufen können, von George Balanchine, John Cranko, Jiri Kyliän. Und jetzt hat es ihr eine Koproduktion mit den Movimentos Festwochen ermöglicht, für eine Uraufführung im Rahmen des Festivals Marco Goecke zu engagieren, den singulären deutschen Choreografen.
Goecke, Jahrgang 1972, hatte zuletzt aus gesundheitlichen Gründen monatelang alle Termine absagen müssen, nun choreografiert dieser Seismograph seelischer Dunkelheiten wieder -wie schön.
„Peekaboo" heilst das für Wolfsburg entstandene, 20-minütige Stück, das englische Äquivalent für das von deutschen Eltern gerufene
„Kuckuck!". Schwarze Hüte, Melonen, spielen eine Rolle, aber sie verbergen die Gesichter der Tanzenden nicht lang. Öfter ist es der gesenkte Kopf, der den Blick konzentriert auf das lidschlagschnelle und doch gestochen scharfe Wirbeln der Arme.
Eine originelle Musikauswahl hat der Choreograf getroffen: Mit 20 hat Benjamin Britten die überwiegend sommerlich heiter anmutende „Simple Symphony" komponiert, dazu stellt Goecke den harschen Gesang des finnischen Männerchores „Die Rufer", die weniger singen als tatsächlich rhythmisch rufen. Dazu gleitet zuerst ein Hut, gleiten dann zwei Hüte über den Boden. Ein kleiner chaplinesker Scherz, der „Peekaboo" einen hellen Moment gibt.
Aber Marco Goeckes eckigen Zappeltanz, seine flatternden Gliedmaßen, geknickten Arme, die ganze nervöse Energie, die hier aus den Körpern bricht - scheinbar gegen den Willen ihrer Besitzer -, kann man, ohne dass eine Geschichte erzählt wird, allemal als Ausdruck ungewisser, extrem beschleunigter Zeiten nehmen. Seine Tänzer, die fast immer nur schwarze Hosen zu nacktem Oberkörper tragen, die Frauen Miederchen, mögen ihre bebenden, stoßenden, zitternden Hände und Arme zwar im Duo ineinander haken, doch bleiben sie Vereinzelte. Die intrikate, kantige Hektik ihrer Bewegungen ist ebenso Ausdruck eines panischen und brodelnden Inneren wie Abwehr des Außen. Die große Kunst dieses Choreografen aber besteht darin, das tausendfach variierte, virtuose Klein-Klein der Bewegungen in einen Kontext aus strenger Struktur und dramaturgischer Klarheit zu stellen.
Präzision aus Brasilien
Die Abwesenheit von Mätzchen und Schleifchen gefällt auch bei den anderen beiden Choreografien des Abends, die das wunderbar präzise Ensemble aus Brasilien mitgebracht hatte. Das vor einem Jahr uraufgeführte „Bachiana No 1" zu Musik von Heitor Villa-Lobos ist, obwohl auf halber Spitze getanzt, von klassischer Eleganz und Wohlgefügtheit. Nur ein wenig brasilianische Sexiness lässt Rodrigo Pederneiras einfließen, die ein oder andere dezent laszive Hebefigur etwa im Pas de deux des Mittelteils. Es ist eine fließende, einzelne Musikstimmen aufgreifende Choreografie, die nur manchmal ein wenig zu abgeklärt wirkt.
Dafür setzt in der Mitte des Abends Henrique Rodovalhos „Inquieto", uraufgeführt 2011, einen weiteren deutlichen Kontrapunkt. Durch und durch modern, von Kampfsport, HipHop und mehr angereichert ist die Bewegungssprache dieses ebenfalls rund 20- minütigen Stückes. Der Soundtrack von Andre Abujamra fügt Melodiöses zwischen Geräusche wie von einem Polterabend.
Drei Tänzer kommen herein. Der eine wird stoisch stehen bis zum Ende. Die eine wird Faden um Faden quer über die Bühne spannen. Der andere wird tanzen und Gesellschaft erhalten von vielleicht Kumpels, vielleicht Doppelgängern. Wie in „Bachiana No 1" gefällt der klare und doch nicht spannungslose Aufbau des Stückes: Ariadne, das ahnt man schnell, wird weiter ihren Faden spinnen, aber Rodovalho wahrt den tänzerischen Spielraum.
Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau, 18.4.2013

DER ZAUBERKÜNSTLER
Ein finnischer Männerchor brüllt wie eine betrunkene Horde mittelalterlicher Raubritter. Diesem bedrohlichen Getöse sucht ein Tänzer mit nahezu aberwitzig schnellen Gesten Einhalt zu gebieten. Nahtlos geht das unmelodische Grölen aus den Lautsprechern im ehemaligen Kraftwerk der VW-Autostadt in Benjamin Brittens heitere „Simple Symphony" über. Doch die acht Tänzer der Säo Paulo Companhia de Danca agieren weiter in fiebriger Hast - wie Kinder mit ADHS-Syndrom.
Über mangelnde Aufmerksamkeit kann Choreograf Marco Goecke sich nicht beklagen. Mit Blick auf diverse Zusammenbrüche in der Vergangenheit wäre ihm weniger Aufhebens um sich und sein kreatives Schaffen wohl sogar lieber. Doch der gebürtige Wuppertaler, der bei Kritikern und Fans als schillernder Solitär der deutschen Tanzlandschaft gilt und Hauschoreograf beim Stuttgarter Ballett und beim Nederlands Dans Theater ist, ist einfach zu gut.
„Peekaboo“ seine jüngste Choreografie, die jetzt von der Säo Paulo Companhia de Danca als letztes Stück eines dreiteiligen Tanzabends beim Movimentos-Festival uraufgeführt wurde, ist der beste Beweis: Es war bisher der Höhepunkt des diesjährigen Tanzprogramms. Alle Ensembles, die jetzt noch in Wolfsburg auftreten, werden es zumindest schwer haben, dieses Stück zu übertreffen. „Peekaboo" spielt wie Brittens „Simple Symphony" mit Kindheitsmotiven. Während Britten die vier Sätze seiner Komposition mit „ungestüm", „spielerisch", „sentimental" und „ausgelassen" konkret bezeichnet hat, beschwört
Goecke eher diffuse Seelenzustände herauf: es geht, wie der Titel (zu deutsch etwa: „Kuckuck, da bin ich!") andeutet, um Versteckspiele als Möglichkeit der Wirklichkeitsflucht. Als Requisit dienen den Tänzern Melonen-Hüte, die sie vors Gesicht halten oder einander über den Bühnenboden zuschieben. Trotz aller Leichtigkeit der minimalistischen Bewegungen kippt das Spiel immer wieder vom Vergnüglichen ins Albtraumhafte. Die Tänzer wirken wie Getriebene, die stets vor etwas ausweichen, insbesondere dem Ruf aus der Erwachsenenwelt, der mit den Finnen von „Mieskuoro Huutajat" hörbar wird. Während die Entzauberung der Kindheit auf der Bühne ihren Lauf nimmt, herrscht Verzauberung im Publikum. Goecke bietet magische Momente.
Und die hervorragenden Tänzer der jungen brasilianischen Formation, die zuvor schon die Bandbreite ihres Könnens gezeigt haben, tragen ihren Teil dazu bei: in dem eher neoklassischen „Bachiana Nr. 1" von Rodrigo Pederneiras und dem zeitgenössischen „Inquieto", einem Stück mit geschickt inszenierter Gesellschaftskritik von Henrique Rodovalho. Ovationen im Stehen für einen grandiosen Tanzabend.
Kerstin Hergt, Hannoversche Allgemeine, 18.4.2013

FREUDIG ERSCHRECKT IN DIE WELT SEHEN
Der Choreograph Marco Goecke erzählt über seine Lust, mit ungebärdigen Bewegungen den Tanz neu zu beleben

Acht Jahre ist es her, dass Marco Goecke bei Henning Paar am Braunschweiger Staatstheater eine Uraufführung schuf: „Alles" nach einem Text von Ingeborg Bachmann. Damals war er frisch zum Haus -Choreographen des stark klassisch geprägten Stuttgarter Balletts ernannt, hatte mit seiner eigenwilligen Bewegungssprache beim Hamburg-Ballett für Aufsehen gesorgt. Kindlich verspielt waren die Gesten, die Tänzer krabbelten schon mal rücklings wie Krebse oder karriolen mit verknoteten Armen oder Beinen über die Bühne. Ein völliger Bruch mit der klassischen, aber auch der modern fließenden Bewegungssprache.
Mancher fragte sich, wie kann er das noch weiterdrehen. „Das habe ich mich natürlich auch gefragt", sagt Goecke im Gespräch vor der Wolfsburger Uraufführung. „Dramaturgisch ist sicher vieles präziser geworden, aber das Vokabular ist geblieben. Andere Choreographen mögen Stilsprünge, das kann ich nicht verstehen. Ich bin froh, dieses klar erkennbare Vokabular zu haben."
Er wuchs auf, als Pina Bausch den Tanz zum Tanztheater ausbaute, „das haben dann viele bis ins nur noch Theaterhafte überdreht", erzählt Goecke. Er wollte wieder zurück ins Tänzerische, aber ohne ins Klassische zuverfallen. Vielleicht habe er gleich bis ins andere Extrem überdreht, „aber zurückdrehen kann man ja nun immer noch."
„Mir macht das immer noch Spaß, mit den Körpern und ihren Bewegungsmöglichkeiten herumzuspielen. Am liebsten mit einem Tänzer allein im Studio", sagt Goecke. Und er habe auch bei Proben immer ein Auge darauf, was Tänzer am Rande machen, wenn sie sich langweilen. „Da machen die aus Spaß die tollsten Sachen, die kann ich gebrauchen." Und Fehler der Tänzer seien für ihn gleichfalls Inspiration.
Damit sind wir schon ganz nah an seinem neuen Stück „Peekaboo", auf Deutsch das alte Kinderspiel: „Kuckuck - Bah!" Dass sich Kinder hinter den Händen vorm Gesicht versteckt glauben, dass sie freudig erschreckt danach die Welt wiedersehen, hat Goecke fasziniert. „Ich bin ja manchmal ebenso überrascht oder erschreckt, wenn ich meine Stücke wiedersehe. Daran sehe ich, wo sie stark sind." Denn eine kindliche Spiel- und Entdeckerfreude sei Ausgangspunkt all seiner Arbeiten. „So lebe ich."
Goecke ist selbstkritisch genug, seine Schöpfungen nicht für vollkommen zu halten. Die frühere Erfolgsangst habe sich dennoch gelegt. Immer wieder müsse er die Trägheit des Erwachsenen überwinden zugunsten des Kindlich-Ungebärdigen. Das ja auch seine Abgründe und Düsternisse habe. Große Bedeutung haben für ihn die Soli. „Das bin vielleicht immerich." Man erführe viel über ihn, wenn man diese Soli aneinanderreihte und zu lesen verstünde.
Wolfsburger Nachrichten, Salzgitter Zeitung, Helmstedter Nachrichten, Braunschweiger Zeitung 17.4.2013

MOVIEMENTOS: „PEEKABOO“ FEIERTE WELTPREMIERE
Gerade mal fünf Jahre jung, und doch gehört die Säo Paulo Companhia de Dancazu den besten lateinamerikanische Tanzensembles. Gestern Abend im Kraftwerk zeigte die Gruppe im Rahmen der Movimentos Festwochen drei Stücke - darunter eine Uraufführung des deutschen Choreographen Marco Goecke.
Das Stück ist eine Produktion der Movimentos Festwochen mit der Regierung von Säo Paulo und der Säo Paulo Companhia de Danca. Der Inszenierung liegt die „Simple Symphonie" des bekannten Komponisten Benjamin Britten zu Grunde. Schon der Name des Stücks „Peekaboo" spielt auf den Inhalt an: Er bezieht sich auf das Versteck- Spiel „Kuckuck!" für kleine Kinder - der Erwachsene verbirgt sein Gesicht und tut so, als sei er verschwunden. So spielen
Tänzer mit ihren Hüten oder die Zylinder bewegen sich wie von Zauberhand allein über den Boden. Choreograph Goecke beschwört mit den Tänzen Bilder aus der Kinderseele hinauf, die von Phantasie und Leichtigkeit, aber auch Ängsten und Albträumen erzählen. Allein der Anfang: Ein rauh klingender finnischer Chor „Huutajat"- 30 Männer, die ganz laut brüllen. Dazu Bewegungen, schnell, geschmeidig und doch kurz und hektisch. Die Energie der Tänzer ist fast greifbar. Dann geht das Ganze wieder in die verspielte, leichte Klassik- Musik über - so wird Spannung aufgebaut. Das Stück wirkt tatsächlich wie ein Spiel: ein Tauziehen zwischen roher und harmonischer Musik, zwischen Tänzen, die kraftvoll und gleichzeitig zart sind.
Wolfsburger Allgemeine, 17.4. 2013

UMJUBELTE PREMIERE BEIM TANZFESTIVAL MOVIMENTOS
Marco Goecke beschwört in seinem Tanzstück «Peekaboo!» Bilder aus Kindertagen: Mit der Fantasie, Leichtigkeit und den Vergnügungen der Kinder, aber auch mit ihren Ängsten und Albträumen
Die São Paulo Companhia de Dança setzte am Dienstagabend mit der Uraufführung des in Kooperation mit der VW-Autostadt entstandenen Stücks die Movimentos-Festwochen in Wolfsburg fort. Zudem zeigte die brasilianische Gruppe im ausverkauften alten Kraftwerk des Volkswagenwerks eine Europa- und eine Deutschlandpremiere - und stellte mit den drei unterschiedlichen Stücken ihre Vielseitigkeit unter Beweis. Das Publikum honorierte dies mit großem Applaus.
«Kuckuck, wo bin ich» - das alte Spiel mit den Händen vor dem Gesicht inspirierte Marco Goecke zu seinem Stück «Peekaboo!». Fröhlich und mit großer Leichtigkeit bewegen sich die Tänzer in dem für Goecke typischen Stil nach der Musik von Benjamin Britten: Sie flattern mit den Händen, in jeder Bewegung sind Brüche zu finden und doch wirkt alles passend. Die Schritte der Tänzer erinnern an Charlie Chaplin, plötzlich tanzen zwei ferngesteuerte Hüte allein auf der Tanzfläche - Kinderträume werden wahr.
Doch auch die Ängste sind zu spüren, etwa wenn zwei der Tänzer auf dem Rücken liegend fiktive Gefahren abwehren. Die fließende Musik der «Simple Symphony», von Britten mit 20 Jahren komponiert, wird gelegentlich jäh von einem Männerchor unterbrochen: «Der Chor singt geradezu brüllend und stellt das erwachsene Gegenwicht dar», erläutert Bernd Kauffmann, einer der künstlerischen Festivalleiter. Auch mit den extrem unterschiedlichen Klangerlebnissen lässt Goecke 
die Spannung zwischen Fantasie und Entzauberung entstehen.
Goecke ist mit seiner neuen Choreographie ein kurzweiliges, spannendes Stück gelungen, das die São Paulo Companhia de Dança sehenswert umsetzt. Goecke ist noch bis zum Sommer Hauschoreograf beim Stuttgarter Ballett, danach geht er zum Nederlands Dans Theater.
Im ersten Stück «Bachiana No 1», einer Europapremiere, setzte die Compagnie eine Choreografie von Rodrigo Pederneiras um. Mit Figuren aus dem klassischen Ballett ließen die Tänzer eine romantische Welt nach der Musik von Heitor Villa-Lobos entstehen. Dieser hatte brasilianische Volksmelodien im Stil von Johann Sebastian Bach bearbeitet.
Die Deutschlandpremiere «Inquieto» (Unruhe) von Henrique Rodovalho setzte sich schließlich mit der modernen Welt auseinander. Unzählige Seile spannten die Tänzer bei Techno-Musik quer über die große Bühne. So entstanden immer neue Netzwerke - der Vergleich zu digitalen Netzwerken drängt sich auf -, durch die die Tänzer sich mal geschickt, mal suchend schlängelten.
Auf dem Programm der elften Festwochen der VW-Autostadt stehen unter dem Motto «Toleranz» bis zum 5. Mai neben Tanzaufführungen auch Konzerte, Vorträge und Lesungen. Das Festival gilt als eines der bedeutendsten seiner Art in Europa. Ein Höhepunkt werden auch zwei Konzerte der Gruppe Rammstein am 4. und 5. Mai sein.
Ruhr Nachrichten, Westfälische Nachrichten, Mittelhessen.de, Regiomusik 17.4.2013 Ruhr Nachrichten; Westfälische Nachrichten; Mittelhessen.de ; Regiomusik 17.4.2013

KUCKUCK - BAH!
Eine Compagnie und drei vollkommen verschiedene Stücke – die Sao Paulo Companhia de Danca wirbelte durchs Kraftwerk der Wolfsburger Autostadt.

Die Sao Paulo Companhia de Danca startet ihr Movimentos-Programm neoklassisch mit Altmeister Rodrigo Pederneiras. Zur „Bachiana Brasileiras“ von Villa-Cobos bewegen sich die Tänzer auf halber Spitze schwingend in der Musik. Ein Kommen und Gehen, Drehen und Heben ganz nach den einsetzenden Stimmen. Und ein durchgestreckter Pas de deux im Zentrum. Alles sehr duftig und nett und ohne spürbare Bedeutung.

Dagegen führt uns Henrique Rodovalho mit „Inquieto“ (Unruhe) zu einem synthetischen Soundtrack ins Jetzt. Eine anschwellende Ton- und Bildstörung, durchzogen von den Seilen, mit denen die Tänzer die Bühne mehr und mehr verspannen. Gefangen in den hier sichtbar gemachten Wellen des Internets, den Kabeln der Kommunikation und Abhängigkeiten, die den Spielraum zusehends einengen. Die Bewegungen sind geknickt, mal reicht ein Arm hoch, mal rückt der Po vor, ausgebremster Hip-Hop, ausgehend von einem Abenteurer, sich vervielfältigend auf die Masse. Nur einer bleibt der ewige Gucker am Rande, und die Kollegin zieht am Ende den Kabelstecker, Blackout.
Zuletzt Marco Goeckes Uraufführung „Peekaboo“. Kinderspiele, aber doch im schwarzen Raum. Die Tänzer halten schwarze Hüte vors Gesicht, ihre Erkundungen machen sie dahinter, im Reich der Phantasie, das andere unmaskierte Tänzer für uns sichtbar austanzen. Sie schlagen mit den angewinkelten Armen wie geflügelte Chimären, Traumland, Albtraumland. Mal wiegen sich die Arme in Sicherheit, mal werden die Hände ausgeschüttelt wie Fremdkörper. Man tobt und tollt hektisch und zittert schmerzlich je nach Charakter der Sätze aus Brittens „Simple Symphony“. Zwei Melonen queren wie Tarnhelme chaplinesk allein den Raum.
Ein Sturz, weiterzappeln: Auf dem Rücken liegend sieht die Welt anders, vielleicht bedrohlicher aus. Die Hände krabbeln als selbständige Wesen über den Körper. Nichts ist vertraut und klar aus dieser Perspektive. Auch das Ende kommt abrupt, als wär das ganze starke Stück ein verunsicherndes „Kuckuck - Bah!“
Starker Applaus, Trappeln und Bravos nach einem Dreiteiler sehr unterschiedlicher Relevanz, aber getragen von der jeweils perfekt anverwandelten Beweglichkeit der Brasilianer.
Andreas Berger, Braunschweiger Zeitung 17.4.2013

SCHAULAUFEN MIT ÄSTHETISCHEM MEHRWERT
Den Auftakt bei den Movimentos Festwochen in Wolfsburg gab das Sao Paulo Companhia de Danca. Die junge Tanzkompanie präsentierte zwei Stücke von brasilianischen Choreografen und eine Uraufführung von Marco Goecke.
Ein dreiteiliger Abend kann Tücken bereithalten: Zu beliebig kann er daherkommen, ohne Wagnis und erkennbare Dramaturgie. Im Idealfall hingegen lernen Zuschauer ein Tanzensemble genauer kennen, und zwar in den vielfach verwobenen Facetten von Können, Persönlichkeit und Musikalität. 

Das erste Gastspiel der São Paulo Companhia de Dança bei den Movimentos Festwochen in Wolfsburg ist durchaus ein Schaulaufen, aber mit ästhetischem Mehrwert. Der Abend beginnt mit einer Choreografie von Rodrigo Pederneiras. Seine "Bachiana No. 1" ist ein pulsierender Reigen zur gleichnamigen Suite von 1930 für Cello-Orchester von Heitor Villa-Lobos.

Der Choreograf leitet die Rhythmen der Bewegung von den musikalischen Strukturen ab. Den Bewegungsdrang der jungen Tänzer überführt er mit einem klar umrissenen Bewegungsspektrum in ein wirbelndes Geschehen. Von links nach rechts oder in Diagonalen reihen die Tänzer leichtfüßige Sprünge an Drehungen und umgekehrt, ihre Arme schwingen zum Ausgleich in die Höhe. Die Frauen in luftigen Hängekleidern und die Männer in Ganzkörpertrikots wechseln flugs von ausgedrehten Gliedern hin zu parallelen Schrittfolgen, auf flachen Füßen oder halber Spitze. 

Weniger ausgelassen, dafür mit mehr Effekten ausgestattet, ist "Inquieto" von Henrique Rodovalho, die zweite Choreografie an diesem Abend in Wolfsburg. Zwischen Fäden, die eine Tänzerin im Gehen quer über die Bühne spannt, lassen die anderen elf Tänzer, ebenfalls in voller Jeans-Montur, schnelle Bewegungsimpulse diagonal und quer durch ihre Körper wandern. Mit geneigtem Oberkörper halten sie unvermindert inne, um dann die Gelenke am Platz in aufeinanderfolgenden Wellen zu artikulieren. Die netzartige Raumskulptur, die Lichtbahnen und der Soundtrack aus metallisch-rasselnden Klängen, Beatboxing und Sirenentönen können nicht gänzlich überdecken, dass hier keine wirkliche Entwicklung der Bewegungssprache stattfindet. 

Ein finnischer Männerchor orchestriert den Beginn von "Peekaboo", dem neuen Stück von Marco Goecke. Im Halbrund stehen sieben Tänzer um den einen, der als erster sein Gesicht zeigt und sich in waghalsigem Tempo mit den Armen den Umraum seines Körpers erschließt. Die anderen verbergen ihre Gesichter hinter klassischen Melonen-Hüten. Ihre Ellbogen schwirren nach außen und wieder zusammen, dann scheint der Hut ein Eigenleben zu entwickeln und die Kontrolle über die Arme und Hände der Tänzer zu übernehmen. 

Der Hut als Hort von Erinnerungen ist eine Brücke zu Benjamin Brittens "Simple Symphony" aus dem Jahr 1934. Mit ihm erweitert Marco Goecke das kindliche Versteckspiel "Peekaboo", dieses "Wo bin ich?", auf den im Grunde schutzlos ausgesetzten Körper. Die immense Kraftanstrengung, unter der die Tänzer mit rasender Geschwindigkeit Signale bis in die letzte Muskelfaser abfeuern, ist zugleich Ausdruck von höchster Beherrschung und einer Panik, die sich im Zucken des Kopfes und der Glieder zu verselbständigen scheint.

Der helle Tanzteppich und das fahle Licht tragen dazu bei, dass die Tänzer allmählich wie Gestalten erscheinen, die an unmerklichen Fäden gezogen werden, ob von außen oder einer inneren Besessenheit her. Und so wirken sie wieder nahbar: weil dieser gewaltige Überschuss an Bewegung die Zuschauer mit sich reißt. 

Goeckes Bewegungssprache mag sich zwar jedem Zugriff entziehen - die Gefühle aber, die sie auslöst, sind besonders dann zum Greifen nah, wenn sich ihr so junge Tänzer verschreiben wie von der São Paulo Companhia de Dança. Das Publikum bleibt nicht ratlos zurück, im Gegenteil - es jubelt.
Franziska Buhre, www.dradio.de, 17.4.2013

MOVIMENTOS-FESTWOCHEN MIT WELTPREMIERE FORTGESETZT
Mit einer Weltpremiere der sind am Dienstag vor ausverkauftem Haus die Moviementos-Festwochen in Wolfsburg fortgesetzt worden. Der deutsche Choregraph Marco Goecke hat mit den brasilianischen Tänzern das Stück „Peekaboo“ erarbeitet. Im Mittelpunkt steht die Frage von Sein und Nichtsein, die Linie zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden. Zudem zeigte die Gruppe eine Europa- und eine Deutschlandpremiere.
Neue Presse Hannover; T-Online.de 16.04.2013

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